Eine Fanfiction die «ein Freund von meinem Gehirn» geschrieben und im Oktober 2025 auf archive-of-our-own veröffentlicht hat.
Harry ist dreizehn Jahre alt und geht seit dreiundzwanzig Jahren auf das Zaubererinternat. Er leidet unter Gedächtnislücken, weil sein Gehirn kaputt geht. Zusammen mit seinen Freunden Runald und Hormone geht er auf eine gefährliche Reise, um sein Gehirn, die Welt und das ganze Franchise zu retten.
von Scorpii666
1.
Harry Potter war ein ganz normaler Junge. Bis auf diese unnormale Eigenschaft, die ihn besonders machte: Er war noch nicht gestorben. Viele andere Menschen waren auch noch nicht gestorben – sonst wäre es ziemlich ruhig auf der Welt – aber bei Harry war das Nichtgestorbensein ein anderes, ein magisches. Bei seinen Eltern verhielt es sich ganz anders: Ihr Nichtgestorbensein hatte bereits geendet, als Harry ein Jahr alt gewesen war. Schuld daran war ein geisteskranker Mann, der von einem Kumpel gehört hatte, eine Wahrsagerin hätte gesagt, ihre verblichene Urgrossmutter hätte ihr gesagt, dass der geisteskranke Mann irgendwann – nur vielleicht – von dem kleinen Harry Potter getötet werden würden könnte. Also hatte der geisteskranke Mann Harrys Eltern in den ewigen unumkehrbaren Zustand des Nicht-nichtgestorbenseins versetzt, als er dies jedoch auch dem kleinen Hosenscheisser-Harry antun hatte wollen, hatte Harry nach der Nase des geisteskranken Mannes gegriffen, sie sauber von dessen Gesicht gezupft und zwischen Zeige- und Mittelfinger festgehalten und in seiner lallenden Babysabberstimme gesagt: „Ich hab‘ deine Nase!“
Der geisteskranke Mann war dieser uralten und mächtigen Magie nicht gewachsen gewesen. Nach einem Augenblick der unsäglichen Qual und Verwirrung war sein Körper durch das Loch, an dem seine Nase gewesen war, nach Aussen gesogen worden, hatte sich um sich selbst gestülpt, um schliesslich völlig im Nichts zu verschwinden. Manche sagen, der geisteskranke Mann sei in den ewigen unumkehrbaren Zustand des Nicht-nichtgestorbenseins versetzt worden, in den er selbst unzählige Menschen, Frauen, Tiere, Kinder, Trolle, Kobolde und so weiter und so fort versetzt hatte. Andere sagen, er werde eines Tages wiederkehren, um sein entwendetes Glied zurückzufordern. Wieder andere sagen, das sei alles erstunken und erlogen, doch jene, die so etwas behaupten, führen ein trostloses Leben ohne einen Funken Fantasie. Diese Leute werden Fuggel genannt. Ein komisches Wort, oder? Es klingt fremdartig genug, um ein magisches Fantasiewort zu sein. Hoffentlich bedeutet es nicht irgendetwas in irgendeiner Sprache.
Der nichtgestorbene Junge wurde von einem Schrei geweckt. Er richtete sich auf und stiess seinen Kopf schmerzhaft gegen die Unterseite der Treppe. Voll auf die Nase. Er rieb sich mit einer Hand die schmerzende Sekundärnase auf seiner Stirn und tastete mit der anderen – Hand, nicht Nase – nach der Kordel, die die Glühbirne entzündete. Er konnte sich nicht erinnern, wo er diese zweite Nase her hatte. Man munkelt, er habe sie dem mächtigsten Zauberer, der je gelebt hatte, gestohlen. Andere sagen, das sei unmöglich, wie könnte ein Baby damit davonkommen den bösesten und gestörtesten Zauberer zu verstümmeln, doch diese Leute sind Fuggel. Harry wurde nahegelegt, die Nase, die leicht seitlich und schräg, sodass die Nasenlöcher auf zehn Uhr zeigten, auf seiner Stirn prangte, chirurgisch entfernen zu lassen, doch sie gefiel ihm. Er bekam doppelt so viel Luft wie jeder andere Mensch und konnte Gerüche viel intensiver wahrnehmen. Sie hatte aber auch Nachteile: Er litt schwerer unter einer Erkältung, wenn ihm der Rotz in die Augen lief und viele Leute sagten, sie sei hässlich. Harry hörte nicht auf die Neider, kaufte reichlich Taschentücher und würde weder seine erste noch seine zweite Nase jemals hergeben.
Was war das für ein Schrei gewesen, der ihn eben geweckt hatte? Harry öffnete den Schrank unter der Treppe, in dem er schlief und folgte den Schreien in die Küche. Sein Cousin Dudley warf mit Stühlen, stampfte auf den Boden und ass das Geschirr. Da Dudley aussah wie ein Sack Kartoffeln in einem Schweinekostüm, sah das ziemlich witzig aus. Harry machte sich nicht die Mühe, herauszufinden, warum Dudley tobte – er tobte ständig wegen irgendetwas. Tante Petunia und Onkel Vernon – Dudleys Erzeuger (Kopfkino, geh weg, ich schreibe jetzt) – waren ebenso hässlich wie Dudley und ebenso geistig umnachtet. Onkel Vernon, der ebenfalls aussah wie ein Sack Kartoffeln im Schweinekostüm – allerdings mit dickem Schnauzbart – bewarf seinen rasenden Sohn mit Essen und Geschenken, um ihn zu beschwichtigen. Das klappte meistens. Tante Petunia, die wie ein Sack Kartoffeln in einem Giraffenkostüm aussah, betrieb Schadensbegrenzung, indem sie die kostbarsten Einrichtungsgegenstände – Familienfotos, Küchengeräte und dergleichen – aus der Reichweite ihres Sohnes trug. Ein besonders glücklicher Wurf Vernons beförderte ein rohes Stück Schinkenspeckschnitzel in Dudleys Maul, Dudleys Raserei legte sich, er kaute genüsslich und setzte sich zwischen die Trümmer.
„Räum das auf!“, blaffte Petunia Harry an.
„Mach Frühstück!“, befahl ihm Vernon.
„Schinkenspeckschnitzel“, forderte Dudley und ein Maul voll vorgekautes Fleisch fiel in seinen Schoss.
„Ich kann nicht alles gleichzeitig! Wann kauft ihr euch endlich einen zweiten Sklaven?!“, protestierte Harry.
„Du bist doch ein Zauberer“, höhnte sein Onkel.
„Ihr wisst genau, dass ich nur in der Zschule saubern darf, Menno!“ Harry räumte beleidigt die Küche auf und versuchte dabei verzweifelt, die Schinkenspeckschnitzel und Bohnensteaks und Eierkäse nicht anbrennen zu lassen. Bald würde das alles ein Ende haben. In ein paar Tagen würde er von seinen Freunden abgeholt werden, um den Rest der Sommerferien bei ihnen zu verbringen. Und danach würde er endlich nach Hogwash zurückkehren – dem bestesten Internat für Nicht-Fuggel, wo anstatt seiner Verwandten seine Lehrer ihn quälen würden. Seit zweiundzwanzig Jahren besuchte Harry diese aussergewöhnliche Schule, was merkwürdig war, wenn man bedachte, dass Harry erst dreizehn war. Er schüttelte seinen Kopf, um diese Fuggelgedanken zu verscheuchen. Dabei kitzelten seine Haare in seiner Sekundärnase und er nieste aus beiden Nasen gleichzeitig. Schnodder spritzte simultan in die Bratpfanne und auf Dudleys Gesicht. Dudley liess den Schnodder unbemerkt an seiner Wange hängen.
„Mach ein Neues!“, befahl Vernon. Harry stellte das Schnodderfrühstück für sich beiseite und bereitete eine neue Portion zu. Immerhin würde er heute etwas Essen, nämlich das Schnodderfrühstück, falls es Dudley nicht bemerkte und einforderte. Seine Tante und sein Onkel vergassen nämlich manchmal, Harry zu füttern. Manchmal sagten sie auch, er könne sich doch etwas herzaubern, obwohl sie genau wussten, dass er, wie er vorhin erwähnt hatte, ‚nur in der Zschule saubern darf, Menno‘. Ausserdem war es unmöglich, etwas zu essen aus dem Nichts erscheinen zu lassen, hatte seine Streberfreundin einmal gesagt. Woher wusste die Magie, was Essen war und was nicht? Galt das nur für Menschenessen, oder auch für Nahrung für andere Wesen? Konnte man streng genommen nicht alles essen? Konnte eine vegane Hexe, für die Wurst nicht als Nahrung galt, eine Wurst für ihren Fleischfresserzaubererfreund erscheinen lassen? Harry schüttelte wieder seinen Kopf, diesmal unterdrückte er das Niesen. In letzter Zeit passierte ihm das öfter, das mit den Fuggelgedanken. Er würde seine Streberfreundin und seinen rothaarigen Schulfreund um Rat fragen, sobald er sie sah. Oder sollte er gleich nachher seinem verurteilten Mörderpaten einen Brief schreiben? Ach nein, der war ja tot, ermordet von seiner sadistischen Cousine. Es war so viel passiert, seit Harry auf diese Schule ging, dass er manchmal den Überblick verlor. Er beendete seine Hausarbeiten, während er noch ein bisschen an die sadistische Cousine seines toten Patenonkels dachte. Sie war abgrundtief böse, vielleicht noch böser als der geisteskranke Mann, dem sie diente, aber irgendwie war sie auch scharf. Sie trug immer schwarze Gothic-Kleider mit tiefem Ausschnitt, die hervorragend zu ihrer noblen Blässe passten. Aber sie hatte Sirius, seinen Paten, ermordet. Aber Titten. Die Pubertät war an sich schon verwirrend genug, aber noch schlimmer war es, wenn sie nach zweiundzwanzig Jahren immer noch nicht vorbei war und man währenddessen auf eine Zauberschule ging. Harry roch etwas Verbranntes. Er hob das Bügeleisen von Vernons Lieblingskrawatte und genoss den Brandgeruch, den er in seine vier Nüstern einsog. Wie war Harry hier hergekommen? War er nicht eben noch in der Küche gewesen? Das hatte bestimmt etwas mit den Fuggelgedanken zu tun, sonst würde das in dieser Geschichte nicht Erwähnung finden. Er verfütterte die verbrannte Krawatte an den Nachbarshund, bügelte den Rest der Wäsche, was eine Weile dauerte, wenn man bedachte, dass Dudleys und Vernons Kleidung so gross wie Zelte war. Danach mähte er den Rasen, reparierte das Dach, bewarf seine Nachbarn mit den alten Dachziegeln, kochte das Abendessen und so weiter und so fort, ich habe nun den Hauptcharakter vorgestellt, ich melde mich, wenn wieder etwas Interessantes passiert.
2.
Etwas Interessantes passierte. Harrys Freund Runald rutschte aus dreissig Metern Höhe von seinem Besen, erfand dabei drei neue Figuren, die olympische Turmspringer seither verzweifelt nachzuahmen versuchen, krachte mit dem Buckel voran auf eine Gartenplatte, prallte davon ab, um dann aus zwei Metern Höhe auf sein dummes Gesicht zu fallen. Runalds einzige Schwester und unzählige Brüder johlten. Harry lachte und sprühte dabei Kürbissaft aus beiden Nasen.
„Ist er tot?“, fragte die Schwester, die applaudierte. Harry hatte einmal etwas mit ihr gehabt. Oder wird haben? Hatte haben wollen? Wird gehabt werden sein? Sein Gehirn verknotete sich für einen Moment. Als er wieder bei Besinnung war, sah Harry – ein bisschen erleichtert und ein bisschen enttäuscht – dass sein Freund noch lebte. Erleichtert, weil er ihn mochte, enttäuscht, weil sein Tod endlich eine Veränderung bedeutet hätte, die die Geschichte vorangetrieben hätte.
„Nix passiert!“ Runald grinste schief aus seinem zerdepperten, blutigen Gesicht. Seine Wirbelsäule ragte hinter seinem Kopf aus seinem Buckel heraus. Eine Frau, die ebenso mollig war wie ihr Name, deren Haare ebenso rot waren wie die ihrer Kinder, stürmte entsetzt aus dem Haus. Sie zog einen Zauberstab aus ihrem Ausschnitt, fuchtelte damit in vor ihrem Sohn herum.
„Tu das nie wieder! Wir können zwar neue Kinder machen, aber wir haben keine Zeit, zu warten, bis sie im arbeitsfähigen Alter sind. Das können wir uns nicht leisten.“ Dann seufzte sie, sprach einige pseudolateinische Worte und ihr Sohn war wieder so gut wie neu. Was ihn betraf, war ‚wie neu’ vielleicht nicht der beste Zustand, aber immerhin war seine Wirbelsäule wieder in seinem Körper. Harry hatte sich schon oft gefragt, ob sie nicht so arm wären, wenn sie nicht so viele Kinder hätten, doch er mochte die Wieselfamilie zu sehr und hoffte, sie würde noch viele weitere lustige Kinder produzieren, mit denen Harry spielen konnte.
„Komm Harry, Hormone ist da!“ Harry blickte sich um. Er sass auf einer löchrigen Decke auf einem Bett. Die Wände und der Boden waren leicht schief, sodass dem Gehirn nie langweilig wurde. Ausserdem blieb man wach, wenn man gelegentlich stolperte oder wogegen schlug. Das musste Runalds Zimmer sein, denn es war noch schäbiger als die anderen in diesem Haus. Die Familie nannte das Haus ‚den Bau‘, wahrscheinlich, weil sie sich darin wie die Karnickel vermehrten. Mit jedem neuen Kind wurde am Haus wieder ein Zimmer angebaut, sodass es nun ein wackliger Turm aus neunundzwanzig Zimmern war.
„Haaaaarryyyyyyyyy“, rief Runald erneut, wobei er das ‚i‘ sehr lange dehnte. Einen Moment später stürmte er in das Zimmer. Hinter ihm kam ein Mädchen mit einem riesigen Busch Haaren und Hasenzähnen herein. Falls man diese Geschichte jemals verfilmte, würde man das mit den Hasenzähnen ignorieren.
„Hi Harry“, sagte Hormone.
„Moin“, erwiderte Harry. „Wie bin ich hier her gekommen?“ Seine Freunde sahen ihn verwirrt an.
„Du meinst, wie bin ich hier hergekommen?“, fragte seine Streberfreundin Hormone.
„Nein, im Ernst, wie bin ich hierhergekommen? Gerade habe ich Runalds Absturz applaudiert und dann sass ich hier.“ Runald und Hormone warfen sich besorgte Blicke zu.
„Was zwischendurch passiert ist, war dir wohl nicht interessant genug?“, warf ihm Runald vor. „Ich habe dir meine drei neuen Brüder vorgestellt, die dazugekommen sind, seit du das letzte Mal hier warst.“
„Ja, nein, vielleicht“, stammelte Harry. „Das passiert mir seit diesem Sommer öfter. Ich habe Gedächtnislücken und …“, er senkte seine Stimme zu einem Flüstern „Fuggelgedanken.“ Hormone japste erschrocken, Runald grinste blöd.
„Einen Moment, ich muss nur kurz ein Buch holen“, sagte Hormone, blieb aber reglos sitzen und starrte an die Decke. „Okay, ich habs“, sagte sie schliesslich. Vor ein paar Jahren hatte sich Hormone eine Miniaturkopie der Bibliothek von Hogwash in ihr Gehirn implantieren lassen, damit sie nicht ständig in die Bibliothek rennen musste.
„Vielleicht hast du Nesselbrand, Demenz, Altenheimer, retrograde Amnesie, Drachensocken, Syphilis … Hast du auch Ausschlag?“ Sie wartete nicht auf eine Antwort. „Du solltest ins St. Mongo Hospital für magisch Gestörte gehen, oder nein, sag es Dumbledore, oder McPonystall, hast du schon deinem Paten geschrieben, ach nein, der ist ja tot, hast du es sonst jemandem erzählt, Fuggelgedanken zu haben ist nicht gut, du solltest es niemandem erzählen, ausser vielleicht Dumbledore, dem Ministerium wird das nicht gefallen, stell dir einmal die Schlagzeilen vor, ‚Der Nicht-Nichtgestorbene, völlig abgefuggelt‘, wie lange geht das schon so, hast du …“
„Halt die Fresse, Hormone“, sagten Runald und Harry im Chor. Sie grinsten einander zu und machten Hochfünf. Hormone war empört. Es folgte ein langes Streitgespräch mit dem Ergebnis, dass Harry am ersten Schultag mit seinem Leiden zu Dumbledore gehen würde und Hormone dafür nicht mehr davon sprach. Danach gingen sie nach unten, um vor dem Abendessen – einem Hund, den After – Runalds Vater – mit seinem verzauberten Auto überfahren hatte – noch ein bisschen auf der Xbox zu spielen. Als Harry satt und glücklich auf Runalds Bett einschlief – Runald schlief heute bei dem Ghul auf dem Dachboden – dachte er noch, dass sein Problem damit für eine Weile aus dem Weg war, schliesslich dauerte es noch zwei Wochen, bis die Schule begann.
3.
Harry stand im siebten Stock im Schloss Hogwash. Das musste ein Traum sein, gerade war er noch im Bau gewesen. In einem Traum konnte man alles machen, was man wollte, ohne die Konsequenzen zu fürchten. Harry beglückwünschte sich für seine Weisheit, zog seine Hose aus, zündete sie an und rannte in vollem Karacho auf das hübsche Buntglasfenster zu, das vom Abbild eines Phönixpaares geziert war, das gemütlich picknickte. Als es Harry sah, flog es davon. Harry wurde immer schneller, rief laut „Huuuuuui“ und sprang gegen das Fenster. Das Glas bog sich, Harry prallte davon ab und brach sich beide Nasen und die Brille. Die Brillengläser penetrierten seine Augen und wurden so zu Linsen. Er landete zwei Meter von der Scheibe entfernt auf dem Rücken und schlitterte noch ein Stück zurück. Für einen Traum war das ganz schön schmerzhaft, dachte Harry.
„Geiler Stunt“, sagte jemand. Ein rundes hautfarbenes Ding tauchte über seinem Gesicht auf, wegen seiner tränenden Augen konnte er es nicht genau erkennen. War das ein Arsch?
„Es roch nach verbrannter Scheisse, ich dachte, ich sehe nach. Ist das deine Hose?“
Jetzt erkannte Harry: Es war Melville Longbottom. Es war also doch kein Traum. Niemand träumte jemals von Melville Longbottom.
„Danke Melville“, murmelte Harry, stand auf und nahm seine versengte Hose entgegen. Er putzte seine blutenden Nasen daran ab. Jetzt konnte er den angenehmen Geruch von brennendem Stuhl auch riechen.
„Geiler Stunt“, sagte Melville noch einmal. „Wie bist du darauf gekommen? Du bist immer so kreativ in diesen Dingen.“
„Ich dachte, ich träume.“
„Ich habe letzte Nacht geträumt, mein Brustkorb wäre offen. Einige Organe hingen heraus, aber es blutete fast gar nicht und tat nicht weh.“ Harry hörte ihm nicht zu. Wie war er, Harry, hier hergekommen? Hatte er schon wieder einen Aussetzer gehabt? Er sah sich um. Am Ende des Ganges stand eine riesige Vogelstatue: Der Eingang zum Büro des Schulleiters. Er erinnerte sich an sein Versprechen Hormone gegenüber.
„Melville, wie lange sind wir schon in der Schule?“ Melville dachte angestrengt nach.
„Das ist jetzt mein dreiundzwanzigstes Jahr, und wir haben zusammen angefangen, also ist das auch dein dreiundzwanzigstes Jahr. Weiss du noch? Ich hatte damals eine schleimige Kröte namens Trevor, sie ist immer abgehauen. Letzten Sommer habe ich sie verzaubert, damit sie höher springen kann. Sie ist so doll gehüpft, dass sie die Erdatmosphäre verlassen hat. Ich hoffe, sie kommt irgendwann wieder …“
„Ich meinte eigentlich, wie lange wir dieses Jahr“, unterbrach ihn Harry, und dann sich selbst, „warte, du kannst zaubern?“
„Ja klar, das ist ja auch eine Zaubererschule.“
„Boah, krass“, sagte Harry und liess das erst mal auf sich wirken. Konnte er auch zaubern? Er hatte wirklich viel vergessen. Es wurde schlimmer, er musste sofort zu Dumbledore. Dumbledore hatte auf alles eine Antwort. Er zog seine angesengte, blutverschmierte Hose an und ging auf die Vogelstatue zu. Melville setzte sich hin, holte seine Murmeln heraus und begann, mit ihnen zu spielen. Melville hatte nach all den Jahren an der Schule immer noch keine echten Freunde gefunden, obwohl er auch coole Heldentaten begangen hatte, wie zum Beispiel das Haustier des Geisteskranken Mannes zu enthaupten. Er tat Harry ein bisschen Leid, aber nur ein bisschen. Er nahm sich fest vor, beim nächsten Mal mit Melville zusammen mit den Murmeln zu spielen.
„Moin, ich hätte gerne Dumbledore gesprochen“, sagte Harry. Der steinerne Wasserspeier neben der Vogelstatue erwachte.
„Was ist dein Begehr?“
„Mit Dumbledore zu sprechen.“
„Wie heisst du, Harry?“
„Du kennst mich, ich war am Ende jedes Schuljahres hier, damit mir Dumbledore erklären konnte, warum ich fast gestorben wäre.“
„Passwort?“
Harry kannte das Passwort nicht, wusste allerdings, wie man es knackte. Er zählte zwanzig Minuten lang alle Süssigkeiten auf, die ihm einfielen. Bei ‚Bananasplit‘ nickte schliesslich der Wasserspeier dem Vogel zu, der davonflog, um den Weg zu Dumbledores Büro freizumachen. Dabei hinterliess er ein riesiges Loch in der Decke des Schlosses. Harry hustete den Staub aus seiner Lunge, stieg über die Trümmer und nahm die Rolltreppe nach oben.
4.
„Akuten Abend“, sagte eine unglaublich sanfte Stimme. Sie gehörte dem einzigen Zauberer, der auch tatsächlich wie einer aussah. Harry blickte in die blauen Augen, die sich hinter der Halbmondbrille versteckten. Das dazugehörige Gesicht war so sanft wie die Stimme. Der freundliche alte Mann strömte so viel Vertrauen aus, dass man einfach nicht anders konnte, als ihm alles zu erzählen. Harry erzählte ihm alles, was er wusste, konzentrierte sich aber auf die Sachen, die er nicht wusste.
„… und dann hat Hormone mich überredet, zu Ihnen zu gehen und dann fehlen wieder zwei Wochen, mein Geburtstag, die Fahrt mit dem roten Zug, das Festessen zum Beginn des Schuljahres …“
Dumbledore hatte bisher geduldig zugehört, bedeutete Harry aber nun energisch, sich bitte zu setzen und die Türe hinter sich zu schliessen. Harry gehorchte.
Dumbledore starrte tief in Harrys Augen und sagte schliesslich: „Liebe, Harry.“
„Hä? Was?“
„Liebe ist es, die dem Zauberer seine Stärke gibt. Sie ist ein Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen. Sie umgibt uns, sie durchdringt uns. Sie hält die Welt zusammen.“
Harry war perplex.
„Ja, Professor, aber was hat das mit meinem Problem zu tun?“
„Das erkläre ich dir später, Harry. Wenn du bereit bist.“ Er legte seine Hand auf Harrys Knie.
„D-Danke, Professor, ich sollte jetzt gehen, ich muss noch diesen Aufsatz über Cannabis für Professor Sprosse schreiben …“ Und mit dieser Ausrede ging Harry aus dem Büro des Schulleiters. Er wollte gerade die Tür hinter sich schliessen, als er aufgehalten wurde.
„Und Harry ….“
„Ja, Professor?“
„Du solltest niemandem davon erzählen, dem Ministerium würde das nicht gefallen. Schwierige Zeiten kommen auf uns zu, harte Zeiten.“
Harry wusste nicht, ob Dumbledore von den Fuggelgedanken oder von der unangebrachten Berührung seines Knies sprach, wollte aber nicht nachfragen. Mit dem Gefühl, keinen Schritt weiter gekommen zu sein, es aber zumindest versucht zu haben, rutschte er die Rolltreppe hinunter. Im Gang vor dem Büro hatte sich das Loch in der Decke selbst repariert. Melville spielte noch immer mit seinen Murmeln. Eine davon spritzte in Melvilles Gesicht, denn es waren magische Koboldmurmeln, die dem Verlierer ins Gesicht spritzten. Harry fragte sich, warum Melville alleine damit spielte, schliesslich konnte er dann nur verlieren. Vielleicht gefiel es Melville, mit stinkendem Saft bespritzt zu werden. Harry erinnerte sich an seinen Vorsatz, mit Melville zu spielen, bekam aber Hunger und ging durch ein Wirrwarr aus sich bewegenden Treppen und Geheimgängen nach unten. Obwohl er seit vielen Jahren diese Schule besuchte, verlief er sich. Er fragte einen älteren Schüler, der an ihm vorbeiging.
„Hey, wie komme ich zur krossen Halle?“
„Immer der Nase nach“, antwortete der Schüler und lachte höhnisch über seinen geistreichen Scherz: „Njahahahajahaja.“
Harry folgte dem schlechtgemeinten Rat und setzte seinen Super-Doppel-Geruchssinn ein, um die krosse Halle zu finden. Er akzeptierte die Tatsache, dass seine beiden Nasen nicht mehr gebrochen waren. Warum auch nicht? Er schloss die Augen, bis er die Fährte aufgenommen hatte, und folgte dem Geruch von Hackfleisch, Furzbohnen, Avocado, Tee und Spätzle.
5.
Als Harry die krosse Halle erreichte, war der Geruch von würzigem Abendessen dem eines deftigen fettigen englischen Frühstücks gewichen. Harry ging zum Tisch des roten Hauses und setzte sich zwischen Runald und Hormone.
„Morschen“, sagte Runald mit einem Mund voll Eier. „Wo ist deine Brille?“
„Ich trage jetzt Linsen“, erklärte er und deutete auf seine blutenden Augen.
„Sieht schlimm aus, du solltest das untersuchen lassen“, sagte Hormone. „Hast du endlich mit Dumbledore gesprochen?“
„Ja. Er hat in Rätseln gesprochen und mich angemacht, wie immer.“ Harry seufzte und schaufelte sich dicke Eier auf sein Würstchen und nahm es in den Mund. Vielleicht war es besser, die Fuggelgedanken und die Gedächtnislücken einfach zu akzeptieren und das beste daraus zu machen. Er konnte ohnehin tun und lassen, was er wollte, niemand würde den Jungen, der nicht gestorben war, von der Schule werfen. Schliesslich hatten sie ihn auch nicht suspendiert, als er dem geisteskranken Mann beinahe den Stein des Philosophen überlassen hatte, als er seine Freunde wiederholt in Lebensgefahr gebracht hatte, einen verurteilten Mörder befreit hatte, nachts im Schloss umhergestreift war, im Ministerium eingebrochen war und erheblichen Sachschaden verursacht hatte … Die Liste seiner Vergehen war endlos, trotzdem war er immer noch auf Hogwash. Harry fühlte, wie eine schwere Last von ihm genommen wurde. Er grinste, dabei floss ihm Tee aus seinem Mund.
„Alles in Ordnung, Harry?“, fragte Hormone.
„Jop.“ Harry grinste immer noch. „Ich gehe zu Hagrid, bis später.“ Er stopfte sich das letzte Würstchen in den Mund, stand auf und verliess die krosse Halle.
„Harry! Wir haben in zehn Minuten Zaubertränke! Professor Snake wird dich einkochen, wenn du wieder zu spät kommst!“ Harry ignorierte Hormones Ermahnungen, die sie ihm hinterherrief. Professor Snake war immer gemein zu ihm, ob Harry nun etwas richtig oder falsch machte, spielte keine Rolle. Harry fühlte sich grossartig. Er würde keine Hausaufgaben mehr machen und nur zum Unterricht erscheinen, wenn es ihm gerade passte. Er hatte ohnehin den Anschluss an den Unterrichtsstoff verloren, und das meiste davon war sowieso nutzlos. Er drängte sich gegen den Strom der braven Schüler, die in die Klassenzimmer eilten. Mit erhobenem Haupt stiess er theatralisch das grosse Haupttor auf. Goldenes Sonnenlicht strömte in die Eingangshalle, gefolgt von einem Schwall gefärbten Laubs.
6.
Harry stolzierte über die Schlossländereien, als ob sie ihm gehörten. Er sog die frische Herbstluft durch seine vier Nüstern und genoss jeden Atemzug. Er erreichte eine Hütte am Rande des verkoteten Waldes. Eine riesige Gestalt verliess gerade die Hütte, gefolgt von einem sabbernden Hund. Die Gestalt war so haarig, dass man nur ihre Augen erkennen konnte. Harry war sich nicht sicher, ob sie ihren Fellmantel trug oder nackt war.
„Harry!“, rief die Gestalt voller Freude.
„Hagrid!“, rief Harry ebenso. Er winkte dabei wie ein Ertrinkender.
„Aber, solltest du nicht in der Schule sein?“, fragte Hagrid. Harry zuckte die Achseln.
„Mir egal. Ich habe herausgefunden, dass mein Gehirn kaputt geht, also wäre Unterricht sowieso sinnlos. Was machst du so?“
„Aber Harry! Warst du schon bei Madame Pommfritt? Sie hat bisher jeden wieder zusammengeflickt.“ Daran hatte Harry nicht gedacht. Als Berühmtheit war er es nicht gewohnt, die Schulkrankenschwester zu konsultieren, sondern war immer sofort zu höchster Stelle geeilt, wenn ihn etwas bedrückte.
„Gute Idee, Hagrid, aber das kann warten. Kann ich mit dir abhängen?“
„Ich sollte den Wald wieder einmal entkoten. Kannst mir ja helfen. Es nützt eh nichts, dich in die Schule zurückzuschicken. Auf mich hört ja keiner.“ Der Wind wehte einen penetranten Scheissegeruch vom Wald her. Harry atmete tief ein.
„Okay“, sagte Harry motiviert. Sie verbrachten den ganzen Tag damit, die unzähligen Scheisshaufen im verkoteten Wald zu identifizieren, was nicht leicht war, weil sie stellenweise ineinander übergingen. Gewöhnliche Hirschkacke schütteten sie mit Erde zu, Zentaurenkacke dokumentierten sie, um den Zentauren später zu befehlen, sie sollten ihren Scheiss gefälligst selbst wegräumen. Agromantulakacke, Einhornkacke und andere wertvolle Kacke sammelten sie, um sie im Internet zu verkaufen. Geisterkacke, die sich in den Blättern verfangen hatte, schüttelten sie heraus. Diverse Kackesorten, die zum Zaubertrankbrauen taugten, sammelten sie ein, um sie Professor Snake zu geben. Er freute sich schon darauf, dem fiesesten Lehrer einen Beutel Kot in die Hand zu drücken. Als Harry am Abend von Kopf bis Fuss mit Scheisse beschmiert in die krosse Halle zurückging, kam ihm in den Sinn, dass er ja Zaubern konnte und deshalb eigentlich nicht hätte im Kot wühlen müssen. Trotzdem, er hatte die frische Luft, den Geruch und die Beschäftigung mit seinem Freund genossen.
„Arg! Scheisse! Alles Scheisse! Diesmal kommst du mir in die Folterkammer, Bürschchen!“
Der Hausmeister, der, weil er nicht zaubern konnte, alles von Hand aufwischen musste, und darum verständlicherweise immer schlechte Laune hatte, packte Harry am Umhang, liess aber sofort wieder los und wischte seine Hand an einem Lumpen ab.
„Oh nein, der arge Filz!“, höhnte Harry. Man nannte ihn den argen Filz, weil er immer zuerst ‚Arg‘ rief, bevor er einen arg nach verbotenen Gegenständen filzte. Und weil er seine Haare nie wusch. „Du darfst keine Schüler foltern, also kannst du mir gar nichts.“ Zur Krönung steckte Harry ihm die Zunge entgegen.
7.
Harry wachte kopfüber an den Knöcheln aufgehängt auf. Ihm war eiskalt und schwindelig. Es roch nach Rost und Moder. Das einzige Licht strahlte irgendwo durch ein kleines Gitter.
„Hallo?“, rief Harry. Ungefähr zwölf Minuten und vierundzwanzig Sekunden später öffnete sich die Tür mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Der arge Filz trug eine hochgeklappte Schweissermaske, eine Lederschürze und eine Kettensäge.
„Im Ernst?“, fragte Harry. „Du darfst keine Kettensäge haben. Die magische Welt hat einstimmig beschlossen, dass der technologische Entwicklungsstand von 1825 genau das richtige Mass an Technologie ist. Diese Kettensäge ist viel zu neu. Dafür kommst du nach Azkaban!“
„Mir doch egal, was die Zauberer beschlossen haben. Ich bin ein Tintenfisch, ich kann nicht zaubern!“ Der arge Filz sabberte gierig. „Jetzt wirst du büssen für die Scheisse, die du im Schloss hinterlassen hast!“
„Glaubst du, ich habe Angst von diesem Ding? Ich habe den Steuererklärungsfluch überstanden. Mehrmals. Dieses Gartengerät kann mir nichts anhaben.“ Als die Kettensäge laut zu rattern begann und sich Harrys Lieblingsbein näherte, fühlte er sich nicht mehr so mutig. Er schrie, als die Kettensäge in sein Bein eindrang und nur haarscharf sein linkes Ei verfehlte. Blut spritzte bis an die Decke, in Harrys Nasen und durch das kleine Gitter an der Wand. Als die Säge mit einem Knirschen den Oberschenkelknochen erreichte, wurde Harry bewusstlos. Oder dies ist nur eine weitere Gedächtnislücke, und Harry hatte die ganze Amputation mitbekommen und selig wieder vergessen.
8.
Harry wachte an einem Bahnhof auf. Der Bahnhof war merkwürdig, denn er war verlassen und totenstill. Harry hatte ein Déjà-vu-Erlebnis. Auf dem Boden lag ein verkümmertes, wimmerndes Baby und der tote Dumbledore winkte ihm zu, genau wie beim letzten Mal. Damals war Harry gestorben, hatte mit dem toten Dumbledore geredet … Dumbledore war tot! Mit wem hatte er denn eben erst gesprochen? War das ein Doppelgänger? Ein Zombie? War Harry auch ein Zombie? Er schob die Fuggelgedanken zu den anderen, um sich später darum zu kümmern, und wandte sich wieder der Erinnerung zu. Das war gewesen, als Harry zum vierten Mal den Geisteskranken Mann besiegt hatte. Danach war er noch neun Mal wiedergekehrt. Harry hatte keinen Bock auf einen weiteren Bosskampf. Zu beiden Seiten Harrys fuhr ein Zug ein und hielt lautlos an. Harry wollte gerade den Zug besteigen, der ihn ins Jenseits brachte, als der Bahnhof kräftig durchgeschüttelt wurde und sich in einem blendenden Licht auflöste.
9.
„Zehn goldene Galeonen, dass er stirbt.“
„Wie viele Franken sind das?“
„Keine Ahnung, wir haben keinen Matheunterricht.“
„Der Stunt war noch krasser als der letzte.“
„Geht zur Seite, ich will sein dummes Gesicht fotografieren, wenn er sein neues Bein sieht.“
„Ich geh‘ Kippen holen, will jemand etwas von der Tanke?“
„Zwanzig Liter Super.“
„Seid still, ich glaube, er wacht auf.“ Die Stimmen verstummten, nur ein leises mechanisches Brummen war zu hören.
Harry öffnete langsam seine Augen. Er lag in einem weichen Bett. Enttäuscht stellte er fest, dass seine Linsen entfernt worden waren. Er grabschte nach seiner runden Brille auf dem Nachttisch und setzte sie auf die Nase. Sie fiel herunter und er setzte sie auf die andere Nase. Um ihn herum standen Freddi und Schorsch – Runalds Brüder – Runald selbst, dessen Schwester Ginny, Melville Longbottom, Hormone und das lästige blonde Kind mit dem Fotoapparat, der nach 1825 erfunden worden war. Das Blitzlicht blendete Harry, sodass er beinahe noch einmal gestorben wäre. Vor Ärger.
„Fick dich Colin“, murmelte Harry benommen. Schorsch reichte Freddi zehn Goldmünzen.
„Ja, fick dich Colin“, stimmten Freddi und Schorsch zu. „Du darfst nicht einfach so Leute fotografieren und die Bilder ins Internet stellen. Das ist gegen die Privatsphäre.“
„Harry ist berühmt, er hat kein Recht auf Privatsphäre. Mein Instagram-Kanal geht voll ab.“ Er wandte sich an Harry. „Schau mal, du hast ein neues Bein.“ Er machte sich bereit für ein weiteres Foto.
Harry richtete sich auf, warf die Decke zur Seite und entblösste ein haariges Bein mit Knubbelknie. Blitzlicht. „Fick dich Colin.“ Harry betastete sein Bein. „Das sieht genau so aus wie mein altes Bein“, sagte Harry erleichtert.
„Wirklich?“, fragte Colin. „Es ist voll hässlich!“ Er lachte, machte noch ein Foto und erhielt von Schorsch – oder Freddi – einen Schlag auf den Hinterkopf. Der Fotograf packte sich einen Rucksack von der Ablage über den Fenstern, öffnete die Tür, was einen Druckabfall verursachte, der einige medizinische Geräte und Melville Longbottom mitriss, und sprang aus dem Flugzeug.
„Mach die Tür zu, es zieht!“, schrie Madame Pomfritt und eilte herbei, um die Tür des Krankenfliegers selbst zu schliessen.
„Dumme Muggelkinder, ich sage immer wieder, sie sollen den Kamin benutzen“, brummte Madame Pomfritt, während sie im Krankenflieger wieder Ordnung machte. Hormone nutzte die Gelegenheit, um Harry klugzuscheissen: „Was hast du dir nur dabei gedacht? Du weisst doch, dass das Ministerium die Regeln geändert hat. Gemäss Ausbildungserlass Nummer 1337 hat der arge Filz freie Hand beim Strafvollzug. Du hast Glück, dass du nicht gestorben bist. Ach ja, Snake lässt ausrichten, dass du drei Jahre bei ihm nachsitzen musst, und mit ihm Methamphetamine kochen sollst.“
„Ich kann gar nicht sterben, ich bin der Proto… Prato… Progano… der Hauptcharakter. Mein Name steht sogar im Titel.“ Ginny quiekte erschrocken bei diesen Fuggelgedanken. Runald grinste. Fredi, Schorsch und Hormone warfen sich besorgte Blicke zu. Einer davon verfehlte sein Ziel und warf die Nachttischlampe um, die am Boden zerschellte. Hormone schwang ihren Zauberstab und murmelte den pseudolateinischen Reparaturspruch, um den Schaden zu beheben.
„Versteht ihr denn nicht?“, fuhr Harry aufgebracht fort. Er drehte eine Runde, um sein neues Bein zu testen, kehrte wieder zurück und sprach weiter: „Wir sind jetzt schon seit zweiundzwanzig Jahren auf dieser Schule -“,
„Dreiundzwanzig“, klugscheisste Hormone.
„Und ich bin erst dreizehn Jahre alt, wie kann das sein? Dumbledore wurde von Snake getötet, trotzdem habe ich eben erst mit Dumbledore in seinem Büro gesprochen. Ausserdem hast du ein Ohr verloren, und du bist tot“, er deutete auf die rothaarigen Zwillinge. „Wie oft bin ich schon gestorben? Wie oft ist der geisteskranke Mann zurückgekehrt? Ich habe keinen Bock mehr auf diesen ganzen abgedrehten [zensiert]. Ich will ein normales Leben mit Achterbahnfahren und Wanderungen und Dinkelbrötchen und …“
„In unserem vierten Jahr waren wir Wandern, weisst du nicht mehr? Wir mussten ewig latschen, um zum Portschlüssel zu gelangen. Und Achterbahn sind wir auch gefahren, als wir Gringotts ausgeraubt haben.“ Auf Runalds Gesicht dämmerte es, als er das sagte. Hormone fuhr fort, ohne wirklich wegzufahren: „Stimmt! Wir haben Gringotts ausgeraubt. Warum sind wir nicht in Azkaban?“ Sie raufte sich die Haare, ging aufgebracht hin und her, knabberte an einem Möhrchen, wurde blass. „Oh nein, jetzt hast du mich angesteckt, Fuggelgedanken!“ Ginny quiekte wieder aufgeregt. Runald grinste.
Harry senkte seine Stimme: „Was wäre, wenn Fuggelgedanken die Wahrheit wären? Was, wenn das Ministerium uns alle verarscht, um noch mehr Bücher und Filme zu verkaufen?“
Hormone knabberte an ihren Fingernägeln. Freddi sagte: „Komm schon Harry, das Ministerium würde doch nicht die ganze Welt in Gefahr bringen, indem sie in der Kontinuität herumpfuschen. Zugegeben, sie machen fragwürdige Sachen, wie zum Beispiel einer Dreizehnjährigen eine Zeitmaschine zu geben, aber ich glaube nicht, dass sie so weit gehen würden.“
„Doch“, sagte Harry bestimmt. Ginny quiekte. Runald grinste.
Hormone hatte sich wieder ein wenig beruhigt: „Glaubst du nicht, es wäre möglich, nur vielleicht, dass dein Gehirn, möglicherweise, durch all die Flüche, die du abbekommen hast, die Traumata, die du durchlebt hast, einen ernsthaften Schaden genommen hat, der deine Gedanken durcheinanderbringt, wodurch du auch diese Erinnerungslücken hast?“
„Der Satz war zu lang, bitte fasse dich kurz.“
„Hirnschaden!“, blaffte Hormone.
Madame Pomfritt eilte herbei. „So, das ist genug Aufregung für heute, Besuchszeit ist vorbei, kommt morgen wieder, husch, husch.“ Sie scheuchte Runald, Ginny, Freddi, Schorsch und Hormone in Richtung des gemauerten Kamins, der im Krankenflieger fehl am Platz wirkte. Hormone und die Rothaarigen verbrannten in grünen Flammen, während eine Frauenstimme aus dem Kamin erklärte: „Ihr glaubt gar nicht, wie beschwerlich Reisen vor Flohpulver waren!“
Die Krankenpflegerin drängte Harry eine übel riechende Medizin auf, die sogar Harrys verdrehter Geruchssinn als ekelhaft empfand, worauf er einschlief, noch während sie die Vorhänge vor den Flugzeugfenstern zuzog.
10.
Harry griff fester an die Zügel seines Parasaurolophus, während er immer schneller über das schottische Hochland galoppierte.
„Los, Sirius, gleich haben wir es geschafft!“, rief Harry seinem toten Paten zu, der auf einem knatternden Motocross-Motorrad neben ihm fuhr. Doch als sie den nächsten Hügelkamm überquerten, tauchte vor ihnen eine ganze Armee auf, bestehend aus Kreuzrittern, Neonazis, Zulukriegern und Vampiren, die mit gezückten Waffen in einer Reihe auf sie warteten.
„Oh nein, die Union der uneinig Vereinten!“
„Mach dir keine Sorgen, Harry, wir können Zaubern“, sagte Sirius in beruhigendem Ton. Harry und Sirius zückten ihre Zauberstäbe, während sie sich mit der anderen Hand an Dinosaurier respektive Motorrad festhielten. Sie zauberten Expelliarmus und Petrificus Totalus und einmal sogar Flipendo, was sehr wirksam war und den Grossteil der Feinde vernichtete, doch diese konnten auch zaubern und riefen Expelliarmus und Petrificus Totalus und einmal sogar Flipendo zurück, trafen Harrys toten Paten, das Motorrad explodierte, Sirius machte einen dreifachen Rückwärtssalto und verdampfte, woran er starb.
Harry schrie: „Siriiiuuuuuuss!“
11.
„Halt die Fresse, Alter!“
Harry sass kerzengerade im Bett. Er war klatschnass und befürchtete, dass es nicht nur Schweiss war. Er atmete schwer und zu schnell.
„Glaubst du, nur weil du zwei Nasen hast, kannst du lauter schreien als ich?“, fragte der Junge im Bett neben Harry. „Na dann pass Mal auf.“ Der Junge holte tief Luft und schrie aus vollem Halse „Siriiiuuuuuuss“, sodass Harrys Ohren sich anfühlten, als hätte jemand, wahrscheinlich der Junge neben ihm, einen heissen Draht hineingebohrt. Der Krankenflieger geriet in Turbulenzen. Madame Pomfritt öffnete die Cockpittür, befahl ihren beiden Patienten „Ruhe!“, pflanzte sich wieder die Kopfhörer auf und setzte sich hinter den Steuerknüppel.
Auch nachdem die Turbulenzen sich gelegt hatten und der andere Junge nicht mehr schrie, konnte Harry nicht mehr einschlafen. Er sinnierte einige Stunden lang über seinen toten Paten, über die Fuggelgedanken und Ginny. Dann wurde ihm langweilig. Er versuchte, den lauten Jungen im Bett nebenan aufzuwecken, jedoch ohne Erfolg. Er fragte sich, weswegen dieser im Krankenflieger war. Harry stand auf, schlich sich an dessen Bett heran und las die Krankenakte: „Statist Nr. 1112, Haus Blau, Schlaflosigkeit, Flugangst, Kehlkopfentzündung, taubstumm.“
„Der ist wohl geheilt“, murmelte Harry. Er ging im Krankenflieger umher, durchsuchte die Schränke, spielte mit dem Dialysegerät, suchte erfolglos etwas zu essen, machte in einen fremden Nachttopf, stellte ihn neben den schlafenden Jungen und legte dessen Hand in den warmen Inhalt. Dann setzte Harry sich zurück auf sein Bett und langweilte sich wieder.
12.
Harry klammerte sich fest an den Besenstil und sauste mit vielen Geschwindigkeitseinheiten durch die kühle Luft. Adrenalin strömte durch seine Adern. Er klemmte den Stecken noch fester zwischen seine Backen und vollführte einen Immelmann. Unter ihm flogen zwölf Schüler auf Besen umher, warfen sich Bälle zu, liessen sich von anderen Bällen abschiessen und riskierten ihr Leben, nur um vielleicht zehn lächerliche Punkte zu erzielen. Mittlerweile spielte Harry mit seinem Stecken, träumte vor sich hin und hielt gelegentlich nach dem kleinen goldenen Spatzen ausschau.
„Zehn Punkte für Grün!“, rief eine magisch verstärkte Stimme. Vielleicht hatte sie auch nur ein Megafon. Die Hälfte der Zuschauer applaudierte. Harry flog zum anderen Spatzensucher und ärgerte ihn.
„Deine Eltern sind tot, du hast keine Familie!“, sagte Drago Malefoy.
„Dein Vater ist die Oberbitch des geisteskranken Mannes!“
Drago und Harry versuchten eine Weile, sich gegenseitig zu rammen, was bei diesen vielen Geschwindigkeitseinheiten nicht gelang, aber Spass machte und gefährlich war. Sie zückten ihre Zauberstäbe und versuchten herauszufinden, wer den Längeren hatte. Dann sah Harry endlich etwas Goldenes in der Luft flattern, beschleunigte seinen Besen darauf zu, schnappte es vor Dragos Nase weg, flog damit nach unten und das Stadion tobte, denn das Spiel war beendet. Mit nur einem kleinen Fang hatte er das Spiel, auf das sich alle wochenlang gefreut hatten, beendet und mit hundertfünfzig Punkten die Bemühungen aller seiner Mitspieler nichtig erscheinen lassen. Quidditch war das besteste Spiel überhaupt.
13.
Nach unzähligen Stunden Hanfpflanzen züchten bei Professor Sprosse, Schnapsbrennen und Gulasch kochen bei Professor Snake, Fechten bei Professor Quirrel (der mit dem purpurnen Turban, den Harry in seinem ersten Jahr ermordet hatte) und Fernsehschauen bei Professor Tortelloni kam Harry der Gedanke, dass diese Schule vielleicht gar nicht so magisch war, wie alle glaubten. Auf dem Pausenplatz erzählte er seine Theorie der blonden Mona Liebtgut, denn sie war immer cool und aufgeschlossen und glaubte alles.
„Fernseher und Kettensägen und Flugzeuge und all das Zeug sollten doch gar nicht funktionieren in der Umgebung von Hogwash. Hormone hat gesagt, ein Buch hätte gesagt, es sei zu viel Magie in der Luft und darum würde technische Technologie nicht richtig technisieren“, sagte Harry und freute sich darüber, sich an etwas erinnert zu haben.
„Daddy sagt, das sei die Schuld des Störsenders auf dem Astronomieturm gewesen, aber der wurde vor acht Jahren bei der Schlacht um Hogwash zerstört.“
„Heisst das … Heisst das wir hätten seit Jahren eigentlich im Unterricht SMSen können und Fortnite zocken und im Schlafsaal Pornos herunterladen und mit dem E-Roller zum Unterricht fahren …?“
„Natürlich, aber das Ministerium will das nicht. Das würde sich nicht gut machen für eine Zaubererschule, verstehst du? Ist schlecht für die Buchverkäufe und die Einschaltquoten und die Merchandiseverkäufe und …“
Harry schwieg eine Weile, während sein Gehirn ausnahmsweise arbeitete. Den Rest von Mona Liebtguts Verschwörungstheorie hörte er nicht. Endlich machte alles Sinn für seinen seltsamen Verstand: Die Fuggelgedanken, die endlosen Jahre, die Lügen, die Anachronismen …
14.
Noch am selben Abend rief er Dumbledores Armee wieder ins Leben. Sie antwortete nicht und blieb tot. Für gewöhnlich hätte er es mit Magie versucht, doch sein Vertrauen darin war erschüttert. Also rannte er auf altmodische Weise durch das Schloss und versuchte einige seiner vermeintlichen Freunde zu rekrutieren, musste aber feststellen, dass einige davon wieder tot waren, einige ihn hassten, weil er sich in das trimagische Turnier geschmuggelt hatte, einige hielten ihn für einen Zombie, einen Statisten oder in einem Fall sogar für ein Fraktal. Vielleicht lag es auch daran, dass Harry nie gelernt hatte, sich richtig zu artikulieren, was teilweise dem nicht-existenten Deutschunterricht auf Hogwash geschuldet war, und deshalb die Dringlichkeit seines Vorhabens nicht erkannt wurde. Schlussendlich stand er mit Mona Liebtgut, Melville Longbottom, Runald Wiesel und Hormone Ranger am Rande des verkoteten Waldes. Colin Creepy, das blonde Kind mit der Kamera und dem Instagramkanal, war zwar nicht eingeladen worden, liess sich aber nicht abschütteln. Die Gruppe diskutierte vierundvierzig Minuten lang über einen coolen Namen für ihre Vereinigung, einigte sich auf ‚Hier könnte Ihr Text stehen‘ und bei Sonnenuntergang wandten sie sich endlich Wichtigerem zu.
„Wie sollen wir überhaupt nach London kommen?“, fragte jemand, wer, ist egal.
„Besen? Thestrale? Flohpulver?“
„Das Flohnetzwerk wird überwacht.“
„Ist doch egal“, sagte Harry, „aber ich würde Besen bevorzugen.“
„Ich habe Höhenangst“, sagte Hormone.
„Du bist im Haus rot!“, protestierte Runald. „Rot ist mutig, mutig überwindet Angst.“
„Wir könnten auch einfach den Zug nehmen“, sagte Mona verträumt. Alle Mitglieder von ‚Hier könnte Ihr Text stehen‘ verstummten. Das war viel zu einfach und würde sich schlecht in einem Buch über eine Zauberschule machen.
„Perfekt!“, rief Harry und umarmte Mona. Sie duftete nach Aluminium und Harry fragte sich unwillkürlich, ob sie ihrem Nachnamen alle Ehre machen würde.
Harry, Melville, Mona, Runald, Hormone und Colin gingen zum Bahnhof, kauften sich Tickets, warteten bis um fünf Uhr morgens auf den ersten Zug, wimmelten zwischendurch Ginny ab, stiegen ein und fuhren Richtung Süden.
15.
Harry erwachte mit einem Bärenhunger. Die Sonne schien. Eine grüne Landschaft zog vorbei und winkte freundlich. Runald und Colin schnarchten auf der Gepäckablage. Melville spielte mit seinen Stinkemurmeln. Hormone starrte geistesabwesend vor sich hin – wahrscheinlich las sie gerade. Mona übte Beatboxen – ganz sanft, um niemanden zu wecken. Harry stand auf, um die Süssigkeitenfrau zu suchen. Er traf auf eine Gruppe Touristen, die etwas von Gryffindor und Voldemort laberte und Fotos von ihm machte und an ihm zerrte und um Autogramme bettelte. Müde, hungrig und durchgenudelt fand er endlich die Süssigkeitenfrau.
„Ich hätt‘ gern alles“, sagte er und streckte der Verkäuferin eine Handvoll goldene Galeonen entgegen. Die verwirrte Frau lud wahllos Gegenstände auf Harrys Arme, bis kein Platz mehr darauf war. Harry kehrte in sein Abteil zurück und lud seine Einkäufe auf das Tischchen. Alles fiel raschelnd und scheppernd zu Boden.
„Diese Scheisstischchen werden auch immer kleiner!“ Er stopfte sich ein Schinkenspeckschnitzel in den Rachen und musste dabei kurz an seine Sklavenhalter denken. Sie mochten zwar gemein, fies, dumm, tyrannisch, sadistisch, unfair, unmenschlich, ignorant, verachtenswert, hässlich, fett und nervtötend sein, aber vielleicht, dachte Harry, hatten sie doch recht gehabt, was das Zaubern anging. Er stopfte die Schinkenspeckschnitzelverpackung in den winzigen Mülleimer unter dem winzigen Tischchen, was ihn vollständig ausfüllte. Er öffnete sich ein Dosenbier. Das laute Zischen weckte seine Freunde. Sie schüttelten den Schlaf ab, nahmen sich ebenfalls lauwarme Bierdosen und fettiges Essen in zu kleinen Packungen.
„Das ist viel besser als Butterbier“, bemerkte Hormone.
„Und knallt ordentlich“, sagte Harry und orgelte sich noch eines herein. Die nächste Stunde spielten sie Ich-blicke-was-was-du-nicht-blickst, dann Wahrheit oder Pflicht und irgendwann Flaschendrehen mit Bierdosen.
16.
„Zugfahren ist voll knorke“, sagte Runald und öffnete sich sein drölfzehntes Bier. Sein Rülpser liess das Fenster erzittern. Harry erwachte ohne Erinnerung an die letzten Stunden, doch immerhin wusste er diesmal die Ursache seiner Gedächtnislücke. Er rieb sich die Schläfen. Das Abteil roch nach Bier, Schweiss, Blut und Erbrochenem. Er atmete tief durch. Sein Blick viel auf Melville, der mit einem aufgemalten Riesenpimmel im Gesicht umhergrinste. Eine monotone Stimme verkündete die baldige Ankunft in London. Die Gruppe suchte ihre Habseligkeiten in dem Meer aus Dosen und Verpackungen und verliessen den Zug. Nach einer sehr langen Toilettenpause – sie hatten eine Stunde lang auf Colin gewartet, um schliesslich herauszufinden, dass er auf dem Klo eingeschlafen war – gingen sie durch die Stadt. Sie stellten fest, dass heute ein Feiertag war und das Ministerium folglich geschlossen war, und dass es gar nicht in London, sondern in [geheim] war. Also kauften sie noch einmal Tickets, warteten noch ein paar Stunden auf den Zug und fuhren weiter. Achtzehn Stunden, vierhundertzwölf Bierdosen, hundertzwölf Schinkenspeckschnitzel und sechsunddreissig Mal Umsteigen später stiegen sie im Morgengrauen am Bahnhof von [geheim] aus.
„Wie lautet der Plan, Harry?“, fragte Hormone.
„Plan? Was für ein Plan?“
„Der Plan, um das Zaubereiministerium zu stürzen! Oder was auch immer du da vor hast.“ Harry starrte sie an. „Die Fuggelgedanken!“, blaffte Hormone, „der Störsender, die Anachronismen, die Lügen des Ministeriums?!“
„Ach so, ja, hab ich mir noch nicht genau überlegt.“ Die Gruppe empörte sich über die Tatsache, dass Harry sich nach gut vierundzwanzig Stunden Zugfahrt keinen Plan zurechtgelegt hatte.
„Warum seid ihr überhaupt mitgekommen?“, fragte Harry seine genervten Freunde.
„Ich bin dein grösster Fan, Harry, ich klebe dir wie eine Warze am Arsch“, sagte Colin und fotografierte ihn mit seinem Smartphone. Eine Erinnerung blitzte in Harrys Gehirn auf: Eine Kamera flog durch das geöffnete Zugfenster und zerschmetterte an einem Stahlpfosten.
„Ja, das tust du“, seufzte Harry.
„Weil du uns darum gebeten hast“, sagte Hormone. „Wir sind deine besten Freunde und machen jeden Scheiss mit.“ Runald grinste zustimmend. Melville nickte. Mona beobachtete eine Taube, die einen Zigarettenstummel ass und schien nicht zuzuhören.
„Ich dachte, ich gehe einfach da hin und beschwere mich.“
„Bin dabei“, sagte Melville.
„Na schön, was auch immer“, seufzte Hormone. „Immerhin wissen sie nicht, dass wir kommen.“
„Was das angeht …“, beichtete Colin. Er präsentierte auf seinem Handy die zweitausendsechsundachtzig Beiträge, die er seit dem Verlassen der Schule im Internet veröffentlicht hatte. Melville boxte Colin in die Fresse, worauf das Smartphone in einen Gully fiel und Blut hinterher spritzte. Runald johlte vergnügt.
„Danke, Runald, aber bring ihn nicht um. Wir können ihn noch gebrauchen. Wenn wir die Machenschaften des Ministeriums aufdecken, brauchen wir jemanden, der das alles dokumentiert und veröffentlicht.“
„Wir könnten auch Rita von Kimme & Korn fragen“, schlug Runald vor und wurde dafür ausgebuht.
„Rita ist scheisse!“, kreischte Hormone.
„Aber dann müssten wir uns wenigstens nicht mit dieser Warze abgeben!“
„Ich habe mich irgendwie an ihn gewöhnt. Er ist lustig“, gestand Harry und half Colin auf die Beine. Dann steckte er ihm einen feuchten Finger ins Ohr.
„Aber, aber“, stotterte Colin, „mein Smartphone, ohne Smartphone kann ich nicht …“
„Ich bin steinreich. Ich kaufe dir ein neues.“
Und so verbrachten sie viele Stunden damit, ein neues Smartphone zu kaufen, einen Abovertrag auszuhandeln, das Gerät einzurichten, sich eine Million Mal einzuloggen und sich coole Sonnenbrillen zu kaufen. Sie mieteten sich drei Elektroroller und rollten stilvoll in Richtung geheimer Zaubereiministeriumshauptsitzgebäudeeingangstür. Runald und Melville, die sich einen Roller teilten, stürzten vier Mal und brachen sich nur wenige Knochen.
Bei ihrer Ankunft bemerkten sie, dass sie Melville verloren hatten. Wahrscheinlich war er irgendwann endgültig vom Roller gefallen. Sie hatten keine Lust, ihn zu suchen, und widmeten sich ihrer superwichtigen Geheimmission.
17.
Harry, Runald, Hormone, Mona und Colin blickten die Fassade des unscheinbaren Wolkenkratzers empor. Kein Merkmal unterbrach die Monotonie aus Glas und Beton. Die lässigen Sonnenbrillen schützten die Beobachter vor der gefährlichen Sonne, die sich auf den Scheiben spiegelte.
„Wie bin ich hierhergekommen?“, fragte Harry. Seine Freunde hatten keinen Bock mehr auf das kaputte Gehirn ihres Anführers und drängten ihn durch die Drehtür in das Gebäude.
„Ist das Gringotts?“, wollte Harry wissen. „Rauben wir die Bank nochmal aus?“
„Siehst du hier irgendwo Kobolde? Spasti.“ Nun hatte sogar Runald die Geduld verloren. Er packte seinen Freund am Genick und stiess ihn in den riesigen, makellosen Fahrstuhl. Während sie ins Stockwerk 9¾ fuhren, konstruierten die Mitglieder von ‚Hier könnte ihr Text stehen‘, die ein funktionierendes Gehirn hatten, also nur Hormone, einen rudimentären unausgereiften Plan, der bestimmt gelingen würde, wenn dies ein Fantasyroman wäre, aber leider haben sich unsere Helden gegen die Erzählung gestellt. Alles könnte jetzt passieren. Zum Beispiel könnte Mona Liebtgut eine Schreibfeder ganz tief in Runalds Ohr rammen, behaupten, das wäre gut gegen die Nargel in seinem Kopf, und dann mit der blutigen Feder ‚Mona war hier‘ an den Spiegel an der Rückwand des Fahrstuhls schreiben. Das tat sie auch, aber Runald nahm es ihr nicht übel.
„9¾ Stock. Strenggeheime Zaubereiministeriumshauptsitzgebäudeeingangstür“, verkündete eine sanfte Frauenstimme. Die Fahrstuhltüren öffneten sich und gaben den Blick auf eine riesige Lobby aus weissem Marmor frei. Niemand war zu sehen. Bis auf das Plätschern des riesigen Springbrunnens in der Mitte war nichts zu hören. Das Geräusch rief allen in Erinnerung, dass sie dringend urinieren wollten, also entleerten sie sich gemeinsam in den Springbrunnen. Erst jetzt beachteten sie die goldene Statue: In der Mitte des Brunnens hockte eine Frau mittleren Alters, die eine Augenbinde aus Geldscheinen trug, während sie auf einen Stapel Bücher pinkelte. Das Wasser strömte darüber und füllte den Brunnen.
„Was glaubt ihr, wer das ist?“, fragte Colin.
„Johanna Klaus Rohling“, sagte Hormone.
„Du weisst aber auch alles!“, rief Runald.
„Da ist eine Gravur, du Pfosten!“
Ein glatzköpfiger Sekretär mit viel zu kleiner Brille, grauem Anzug und Lackschuhen klapperte über den Marmorboden und informierte die Besucher höflich über den Standort der Toilettenräume.
„Ist nicht mehr nötig, danke“, sagte Harry und schloss seinen Hosenstall. „Arbeiten Sie hier? Ist das das streng geheime Ministeriumsdings?“
„Dies ist der Hauptsitz des Flourish & Blotts Verlagsimperiums.“
„Wir möchten den Zaubereiminister sprechen“, verlangte Harry.
„Haben Sie einen Termin? Der Geschäftsführer ist sehr beschäftigt.“
An dieser Stelle nahm die ganze Band theatralisch ihre Sonnenbrillen ab.
„Ich bin Harry Fucking Potter, ich brauche keinen Termin! Und das hier sind meine Freunde: Rowan, Hedwig, Lenard und Colin.“
„Runald!“, korrigierte der Falschvorgestellte. Hormone war sprachlos, dass sie mit einer toten Eule verwechselt wurde. Mona streichelte verträumt den Glatzkopf des Sekretärs. Dieser stotterte etwas Unverständliches und verschwand durch eine Tür hinter dem Empfangstresen.
„Ich dachte, du heisst James?“, fragte der blonde Colin, der sein elektronisches Multifunktionsgerät nicht mehr aus der Hand legte.
„Was?“
„Harry James Potter.“
„Ja?“
„Ach, egal.“
Runald und Mona planschten im Brunnen, während sie auf die Rückkehr des Zaubereiministeriumsgeheimverlagssekretärs warteten. Colin startete eine Liveübertragung, damit die ganze Welt die folgenden Ereignisse verfolgen konnte. Harry liess sich von der nun wieder geduldigen Hormone die bisherigen Ereignisse rekapitulieren: „Du gehst seit dreiundzwanzig Jahren auf das Zaubererinternat, bist aber immer noch dreizehn, leidest unter der ewigen Pubertät. Du lernst kaum etwas Nützliches, wirst belogen, ausgenutzt und gefoltert. Du hast neunmal den bösen geisteskranken Mann besiegt, bist selbst ein- oder zweimal gestorben, hast deine Freunde sterben sehen, warst sehr mutig und hast allen Umständen zum trotz meistens triumphiert, auch wenn deine Freunde die meiste richtige Arbeit getan haben und du einfach nur sehr viel Glück hattest. Du hast fast keine Anerkennung dafür erhalten, weil alle um dich herum alles vergessen. Du hast das Zeitgefühl verloren, die Kontinuität ist im Eimer, du weisst nicht mehr, was passiert ist oder noch passieren wird, Menschen sterben mehrmals, werden wieder lebendig und folglich geht dein Gehirn kaputt, du hast Gedächtnislücken, die ganze Realität droht auseinanderzubrechen. Du hast uns davon überzeugt, dass diese Fuggelgedanken real sind, deshalb sind wir hier an allerhöchster Stelle, um uns offiziell zu beschweren. Wir fordern, dass keine weiteren Harry Potter Filme, Streamingserien, Bücher, Hörspiele, Comics, Theaterstücke, Videospiele usw. etc. produziert werden, damit du, und wir alle, endlich Ruhe finden und ein normales Leben führen können, mit oder ohne Magie.“
18.
„Der Minister empfängt Sie jetzt, Mister Potter“, verkündete der Sekretär mit der zu kleinen Brille und deutete auf eine mysteriöse schwarze Tür aus Massivholz. Vor Harrys innerem Auge flammten Erinnerungen hoch: Runalds sterbender Vater After Wiesel, eine Riesenschlange, hohe Regale mit Glaskugeln, grüne Lichtblitze …
„Waren wir hier nicht schon einmal? Beim letzten Mal war es schwerer, hereinzukommen.“
Colin, Mona, Runald und Hormone versuchten, Harry zu folgen, wurden jedoch vom Sekretär aufgehalten: „Nur Mister Potter. Die anderen mögen freundlicherweise hier warten.“
Hormone überzeugte ihn mit logischen Argumenten, dass sie Harrys Vormund sei, der durch seinen Hirnschaden seine Mündigkeit verloren habe und folgte Harry durch die mysteriöse Tür. Runald wies sich als zertifizierter Therapiehund aus und wurde ebenfalls eingelassen.
Sie betraten ein grosses, helles Büro. Der Grossteil des Raumes wurde von einem massiven Mahagonischreibtisch eingenommen. Er war blitzeblank und aufgeräumt, so wie es nur die Tische von Leuten sind, die nicht wirklich arbeiten und nur des Prestiges wegen ein Büro haben. Auf einer goldenen Plakette stand: ‚Pornelius Fugg – Geschäftsführer‘. Runald versuchte – mit geringem Erfolg – sich das Lachen zu verkneifen. Hormone trat ihm auf die Zehen. Hinter dem Schreibtisch sass ein alter Mann mit Schwabbelbacken, Krawatte und Hut. Er stand auf und reichte Harry die Hand, der sie nur argwöhnisch beäugte.
„Ah, Mister Potter, es ist mir eine Ehre, Sie nach all den Jahren endlich kennenzulernen. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Whisky, Brause, Ziegenmilch?“
„Lassen Sie das. Wir sind hier, um eine Szene zu machen. Einen Aufstand. Eine regelrechte Revolution!“
Pornelius Fugg war vor den Kopf gestossen. Er spielte mit dem Gedanken, den Sicherheitsdienst zu rufen. Andererseits würde er selbst mit drei gestörten Jugendlichen fertigwerden, sollte es erforderlich werden.
„Aber! Aber! Warum denn so aufgebracht? Bitte, setzen Sie sich doch. Sie auch, Ron und Hermine, und dann besprechen wir in aller Ruhe euer Anliegen.“
Harrys Gehirn folgerte, dass, wenn er sich jetzt hinsetzte, er später besser einen Aufstand machen könnte, weil er dann synchron zum Aufstand auch physisch aufstehen konnte, was dramatisch wirken würde, und setzte sich brav hin, stützte aber seine Turnschuhe auf der blanken Tischkante des Ministers ab, um seiner Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Hormone und Runald setzten sich ebenfalls. Runald knurrte leise und fixierte Pornelius.
Während einer langen Ansprache über langjährige Zusammenarbeit, Umsatzzahlen, geistigem Eigentum, Auflagen und Filmrechte tauchte am Fenster hinter Pornelius‘ Rücken ganz langsam ein blonder Haarschopf auf. Er stieg langsam höher und blieb schliesslich genau vor dem Fenster des Ministers schweben. Colin grinste, filmte mit seinem neuen Smartphone das Geschehen im Büro und zeigte seinen Freunden ein Daumen-hoch.
19.
Hormone erhob sich und unterbrach den Vortrag: „Genug von Ihrem Business-Sprech! Wir interessieren uns nicht für Ihre kapitalistischen Bestrebungen. Wichtig ist die geistige Unversehrtheit Harrys und des Gewebes der Realität. Wir fordern, dass die Marke Harry Potter, fanatische Tierwesen, Wizarding World und alles, was dazu gehört, sofort in den Ruhestand geht und niemals wiederbelebt wird, damit Harry erlöst wird und ein normales Leben führen kann, mit Achterbahnen und Wanderungen.“ Harry und Runald nickten eindringlich.
„Mich dünkt, auch Ihr Gehirn ist nicht mehr ganz frisch, Miss Granger. Haben Sie sich genau überlegt, was Sie da sagen? Vergessen Sie diese Fuggelgedanken, gehen Sie zurück ins Internat und lassen Sie sich alle von Madam Pomfrey überprüfen.“
Harry stand auf und machte einen Aufstand: „Ich gehe seit zweiundzwanzig Jahren -“
„Dreiundzwanzig“, korrigierte ihn Hormone.
„- dreiundzwanzig Jahren auf diese Schule, aber bin immer noch dreizehn Jahre alt! Wie oft habe ich den geisteskranken Mann besiegt? Ist Dumbledore tot oder lebendig? Ist Snake gut oder böse? Ich blicke nicht mehr durch, die Fans auch nicht und Sie bestimmt auch nicht, Pornelius! Oder wie schaffen Sie es, den Überblick zu behalten?“
„Wir lesen einfach das Harry-Potter-Wiki, wie jeder andere auch. Ausserdem fällts keinem auf, wenn wir etwas durcheinanderbringen. Und wenn doch, schütteln wir eine Erklärung aus dem Ärmel: Traum, Illusion, Zeitreise, Magie, technische Probleme, Liebe. Das klappt immer.“ Der Minister stand auf und goss sich einen Whisky ein. „Sie haben sich da schon eine ganz ordentliche Geschichte überlegt. Daraus könnte man eine Was-wäre-wenn-Episode basteln. Fehlt nur noch ein bisschen Liebe.“ Er schnippte mit den Fingern. Harry drängte sich Hormone auf, versuchte, sie zu küssen.
„Ich liebe dich, Hormone, lass uns viele Kinder machen und ihnen bescheuerte Namen geben“, sagte Harry mit mechanischer, gefühlloser Stimme. Runald bellte aufgebracht. Hormone klatschte Harry mit Schmackes die offene Hand auf die Wange, was ihn wieder zur Besinnung brachte.
„Danke“, sagte Harry und rieb sich das rote Gesicht. Er wandte sich an Fugg: „War das eben der Imperius-Fluch? Das ist ein unverzeihlicher Fluch! Dafür kommen Sie nach Askaban!“
Pornelius Fugg lachte trocken: „Haha. Ihr seid Romanfiguren, das geistige Eigentum der Flourish & Blotts Verlagsgesellschaft. Ihr seid keine echten Menschen, ihr habt keine Rechte und wir können mit euch umgehen, wie es uns beliebt! Freut euch schon mal auf das kommende Marvel-Crossover, das wird ganz gross!“
Nun erhob sich auch Runald. Die drei Freunde blafften ihren gemeinsamen Feind an: „Marvel ist Scheisse!“
„Die Zuschauerzahlen sagen etwas anderes.“
„Da machen wir nicht mit!“
„Ihr habt keine Wahl.“ Der Minister holte ein Computertablet aus einer Schublade hervor. Darauf zeigte er eine Aufnahme, auf der der haarige Hagrid am Rande des verkoteten Waldes einen Faustkampf gegen den unglaublich grünen Hulk austrug. Gerade sah es aus, als würde das Gesicht des Wildhüters zu blutigem Brei – Hormone quiekte empört, Runald grinste –, als ein grosses geflügeltes Pferd angeflogen kam.
„Seidenschnabel!“, freut sich Harry. „Oder müssen wir schon/noch Federflügel sagen?“ Der Hippogreif in der Videoaufnahme stach mit seinem spitzen Schnabel dem Hulk die Augen aus, dann riss er ihm den fleischigen Hals auf. Der Hulk brach zusammen, Seidenschnabel/Federflügel liess von ihm ab und schnurrte. Hagrid stapfte zu seinem reglosen Gegner hin, brach ihm mit dem Geräusch von tausend brechenden Baumstämmen das Genick. Er streichelte seinen tierischen Freund und ging in seine Hütte, um Felsenkekse zu backen.
„Boah, Okay, das war irgendwie geil“, gab Runald zu.
„Naja, der Hulk geht ja noch einigermassen in Ordnung. Aber wenn erst alle die verweichlichten Imitationen des nordisch-germanischen Pantheons auftauchen, dann ist Sense“, lautete Hormones Meinung. Runald nickte zustimmend. Hormone besann sich wieder ihrer Mission. Sie schüttelte den Kopf, um den Superheldenkinomultiversumsunsinn zu vertreiben. „Auch wenn wir gerne sehen, wie der Hulk auf die Fresse kriegt, schadet jede weitere Szene, jede Seite und jede Neuveröffentlichung Harrys Gehirn und dem ganzen Universum. Was wird aus der Kontinuität der realen Welt, wenn wir auch noch den Hulk und Weiss-Merlin-Wen-Noch berücksichtigen müssen? Wollen Sie den auch in die Harry-Potter-Wiki eintragen? Die verfickte Welt geht unter, wenn Sie so weitermachen!“ Sie deutete auf das Tablet, auf dem der Minister nun Candy-Crush spielte.
„Falsch“, sagte Pornelius. „Das Franchise ist alles. Und Moneten. Wir können Harry – und jeden von euch – ganz leicht durch eine schwarze Version von euch ersetzen, oder durch ein Hologramm, oder wir animieren euch, machen einen Anime, ist doch egal, die Leute kaufen jeden Mist, solange Harry Potter draufsteht. Erst recht, wenn sie dafür ein Abo lösen müssen.“
„Wovon reden Sie bloss?“, fragte Harry, der immer noch über das Seidenschnabel-Federflügel-Problem nachdachte.
Der Minister seufzte. Er war müde und wollte nach Hause, um sein Geld zu zählen und seinen Hauselfen zu quälen. „Egal. Der Punkt ist, dass ihr uns gehört, ihr habt keine Rechte, das Gesetz steht auf unserer Seite. Seid brav und geht zurück in eure Schule, oder ich fühle mich gezwungen, das Inquisitionskommando zu rufen.“
Harry deutete zum Fenster: „Sehen Sie das hässliche blonde Kind da draussen? Es hat alles, was Sie gesagt haben, gefilmt und live im Internet verbreitet. Bald wimmelt es hier von aufgebrachten Fans, Schauspielergewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und Leuten, die einfach gerne randalieren.“
Pornelius Fugg blickte erschrocken hinter sich. Colin winkte ihm grinsend zu. Als er sich umdrehte, hatte der Minister sich bereits wieder gefasst.
„Ich denke, ihr überschätzt eure Position gewaltig. Auch in eure sogenannten Fans habt ihr zu viel Vertrauen. Sie kümmern sich nicht um euch. Was sie wollen, sind neue Inhalte.“ Er drückte auf einen Knopf an einem Gerät auf seinem Schreibtisch. Vierzehn Sekunden lang sahen alle betreten im Büro umher und sagten kein Wort, dann öffnete sich die Bürotür. Hereingestürmt kamen Drago Malefoy, Vincent Scheisse und Gregory Gargoyle mit erhobenen Zauberstäben. Hinter ihnen hergewatschelt kam die böseste, abstossendste und verachtenswerteste Kreatur, die jemals ein Autor ersonnen hatte: Delorean Jane Humpridge.
„Schön. Schön schön schön“, quakte sie.
Runald und Hormone inhalierten empört den Raum, husteten und prusteten und würgten ihn wieder aus. Harry sah sich um, hielt Ausschau nach dem, was hier schön sein sollte. Vielleicht meinte sie den Tisch? Für Harrys Geschmack war er zu sauber, aber da gingen die Meinungen bekanntlich auseinander … Oder Hormone, Hormone war schön, abgesehen von den Hasenzähnen. Dann erinnerte er sich daran, dass diese böse Krötenfrau ihn ein Jahr lang in der Schule gefoltert hatte, und danach noch acht weitere Jahre lang in seinen Träumen. Seine Hand fuhr unwillkürlich zu seinem Unterarm, wo eine Narbe noch immer ‚Ich soll keine Rüden erstehen‘ kundtat. Die abstossende Frau schwenkte ihren Zauberstab und sagte den Zauberauflösungszauber. Der schwebende Colin stürzte aus dem 9¾. Stock zu Boden. Ihre Lakaien pieksten das Trio mit den Zauberstäben, damit es mitkam. Die Gefangenen hatten bei all den Fuggelgedanken und Ablenkungen vergessen, ihre Zauberstäbe zu zücken. Was soll nur aus dieser Geschichte werden, wenn unsere Helden sich nicht verteidigen?
20.
Harry erwachte auf eiskaltem Steinboden. Sein Alles tat Weh und der Rest auch. Es roch nach Erniedrigung und Verzweiflung. Nur eine kleine hellblaue Flamme erhellte den düsteren Kerker. Harry kroch auf die Lichtquelle zu. Dort in der Ecke hockten Runald und Hormone aneinandergekuschelt und wärmten sich an der Flamme.
„Harry!“ Wir dachten schon, du verpennst das ganze behagliche Beisammensein“, sagte sie. „Bevor du fragst: Man hat uns die Zauberstäbe abgenommen und uns in diesen Kerker gesperrt. Wir sind meilenweit unter dem Ministerium. Du hast etwa zwei bis drei Tage gepennt. Niemand hat seither nach uns gesehen, ich denke, wir sollten hier verhungern. Die Tür ist stabil und der Raum ist abgeschirmt, wir können nicht den Verschwindibus-Zauber wirken.“
„Wir können nicht Disabeamen?!“
„Genau. Aber Dobby war zwischendurch hier mit seiner Elfenmagie und hat uns Nachrichten, Socken und Nahrung gebracht.“ Jetzt erkannte Harry, dass seine Freunde dicke Wollsocken an Händen und Füssen trugen und mit einem ganzen Haufen bunter Socken zugedeckt waren.
„Ich dachte, Dobby wäre … Warte, wenn wir keine Zauberstäbe haben, wie hast du denn die Flamme hergezaubert?“
Hormone zögerte. „Ähm, Magie?“
Harry setzte sich zu seinen Freunden ans Feuer. Er nahm sich eine Packung Schinkenspeckschnitzel vom Boden und wärmte den Inhalt am Flämmchen.
„Kann Dobby uns nicht mitnehmen, wenn er disabeamt?“
„Haben wir versucht. Runald ist an der Decke wieder aufgetaucht und hat jetzt eine neue Narbe. Mächtige Magie ist hier am Werk.“
Runald grinste. Eine blitzförmige Narbe zierte seine Stirn.
„Boah, krass“, staunte Harry, „die ist noch hübscher als meine Sekundärnase.“ Sie machten Hochfünf und freuten sich, entstellt zu sein. Hormone wartete geduldig, bis die Jungs sich wieder beruhigt hatten. Sie erzählte, dass Mona, Melville und Colin Creepy von ausserhalb versuchten, ihnen zu helfen, dass Dobby als Bote agierte und dass die Welt bald untergehen würde, weil in sieben Stunden der totale Harry-Potter-Marvel-Star-Wars-Greys-Anatomy-Multiversums-Crossover auf allen Streamingplattformen starten würde, was dem Gefüge der Realität den Todesstoss versetzen würde.
„Kann nicht jemand anders die Welt retten, solange ich hier gefangen bin? Was ist mit Dumbledore? Oder Shame-us oder Kingsley Schüttelbolz?“
„Du bist der Protagonist, Harry. Du musst der Held sein. Du kannst dich nicht immer darauf verlassen, dass dir jemand aus der Patsche hilft.“
Drei Stunden lang schmollten, weinten und schrien sie voller Verzweiflung. Die lähmende Hilflosigkeit lähmte sie und machte sie hilflos. Trotzdem schafften sie es, die Zeit sinnvoll zu nutzen und ihre negativen Gefühle in ein Depressive-Black-Metal-Album zu kanalisieren. Harry hämmerte gegen die Wände, bis seine Hände zu fest aua machten. Dann resignierte er und schlug vor, vor dem Ende der Welt wenigstens noch eine ordentliche Orgie zu feiern.
„Haben wir gestern schon“, erklärte Runald und deutete auf einen Haufen leerer Schnapsflaschen und zerplatzter Kondome.
„Ohne mich?“ Harry kam der Verdacht, dass er nicht zufällig zwei oder drei Tage lang geschlafen hatte. „Warum Kondome benutzen, wenn die Welt ohnehin bald untergeht?“
„Wir haben die nicht benutzt, Runald hat damit und mit dem Schnaps Brandbomben gebaut. Hat nicht geklappt. Und dann haben wir ordentlich [zensiert].“
„Ordentlich [zensiert]?! Seid ihr nicht zu jung dafür?“
„Wir sind verheiratet und haben zwei Kinder und eines heisst sogar Hugo. Hugo, Harry!“, erklärte Hormone.
Auf dieses schlagfertige Argument wusste Harry nichts mehr zu erwidern. Zeit verging, während er stumm sein lauwarmes Schinkenspeckschnitzel kaute.
„Und wann taucht Dobby wieder auf?“ „Dobby?“, rief er laut. „Doo-bii?“ Nichts geschah. Vielleicht war Dobby wieder tot. „Kreacher? Krii-tschaa?“, rief Harry. Auch sein zweiter Sklave reagierte nicht. Wahrscheinlich hasste er ihn noch und hatte seine Charakterentwicklung noch nicht durchgemacht.
„Was ist mit dem Aufstand? Der Revolution? Randalieren die Fans? Weinen die Politiker? Frohlocken die Journalistengeier?“
„Nö. Einige haben sich bereiterklärt, die Serie nicht anzuschauen.
„Das ist alles?!“ Harry war zutiefst empört. Er hatte mehr Leidenschaft und Treue von seinen Fans erhofft. Vielleicht waren sie am Ende doch nur Kunden.
„Hormone, du hast doch ein tolles Gehirn? Irgendeine letzte, noch so geringe Chance?“
Sie schüttelte den Kopf, was allgemein als Verneinung galt und Runald im Gesicht kitzelte.
„Runald?“, er sprach seinen bestesten Freund an, der teilnahmslos vor sich hin starrte. „Wo ist nur euer Kampfeswille geblieben? Haus rot oder tot! Rot oder Tot!“, skandierte er. Seine Freunde reagierten nicht. Vielleicht waren sie verhext worden, oder sie litten unter den Nachwirkungen der Orgie. Wer weiss, was für Zaubertränke Dobby ihnen gebracht hatte. Beide Optionen waren weniger beängstigend, als dass sie wirklich alle Hoffnung fahren gelassen hatten, fand Harry, und liess einen fahren. Die Kerkerwand explodierte mit einem ohrenbetäubenden Krachen.
21.
Stein und Staub prasselten über die Gefangenen. Sie husteten ganz fest. So eine schöne, grosse Explosion, und danach eine Riesensauerei, das konnte nur eines bedeuten: Ein alter Freud kam ihnen zur Hilfe! Der Staub legte sich sehr langsam. Dann, im Loch in der Wand, erblickten sie Shame-us Finnigan, der halbirische Halbzauberer mit dem Talent für Pyrotechnik.
„Moin Harry.“
„Shame-us!“ Harry frohlockte. Auch seine vier Nüstern frohlockten, die den Brandgeruch vermisst hatten. „Ich wusste, irgendjemand würde uns irgendwann retten!“
„Retten? Ich bin auf meinem wöchentlichen Amoklauf, auf dem ich Sachen in die Luft sprenge. Kommt raus, ihr könnt mitspielen.“
„Wie bist du an den Tortenessern und an den Wächtern vorbeigekommen?“
„Unsichtbarmachender Unsichtbarkeitslappen. Habe ich aus deinem Koffer geklaut – ich meine – ausgeliehen.“ Er reichte Harry den klebrigen Lappen. Gemeinsam spurteten sie den langweiligen Steinkorridor entlang. Zu beiden Seiten waren unzählige unscheinbare Holztüren. Als sie sich wunderten, auf keinen Widerstand zu stossen, kamen ihnen vier vermummte Gestalten in langen Kapuzenmänteln entgegen. Sie hoben ihre Zauberstäbe, doch bevor sie angreifen konnten, entzündete Shame-us‘ Molotowcocktail ihre Leiber. Sie schrien vor Schmerzen. Harry sog den Geruch von brennendem Stoff, Haaren und Menschenfleisch tief in beide Nasen. Die Gruppe folgte den leuchtend grünen Notausgangsschildern bis zu einem Treppenhaus. In starkem Kontrast zu den Kerkern war es hier nicht düster, schmutzig und altmodisch, sondern weiss und hell. Die rohen Steine waren Gipswänden gewichen. Es roch nach Desinfektionsmitteln. Während sie die Treppen hocheilten, erklärte Hormone, dass sie: 1. den Serverraum finden sollten, um die unheilvolle Ausstrahlung zu verhindern,
1. b) auf dem Weg Zauberstäbe oder vergleichbare Waffen finden sollten,
2. die Firma/ das Ministerium stürzen, damit sie endlich in Ruhe leben konnten und
3., wenns geht, dabei nicht in den ewigen unumkehrbaren Zustand des Nicht-Nichtgestorbensein überzugehen.
Die Armbanduhr, die Harry zu seinem siebzehnten Geburtstag bekommen hatte, zeigte an, dass sie nur noch einundzwanzig Minuten Zeit hatten, um die Welt zu retten. Weitere vermummte Gestalten in rahmbekleckerten Umhängen kamen ihnen entgegen. Kurzerhand flohen Harry, Runald, Hormone und Shame-us durch die erstbeste Tür, um den Tortenessern zu entfliehen. Runald murmelte einen Zauberbann, um die Tür hinter ihnen zu versiegeln, dann merkte er, dass er keinen Zauberstab hatte. Er fühlte sich schwach und hilflos. Hauselfen, Kobolde und andere Geschöpfe zauberten ganz gut ohne Stecken, aber die ach-so-tollen Menschenzauberer waren so gut wie nutzlos, sobald man sie entwaffnete. Zu seiner grossen Freude entdeckten sie eine Tür mit der Aufschrift ‚Waffenkammer‘. Sie war unverschlossen. Er nahm sich ein schweres Maschinengewehr und Ersatzmunition. Hormone entschied sich für eine handliche Pistole, Shame-us für einen Raketenwerfer und einige Handgranaten. Der Protagonist griff nach einem Langschwert, denn damit hatte er schon Erfahrung. Derart schwer beladen setzten sie ihren Weg fort.
22.
„Ja. Aha. Ja. Links, rechts, dritte rechts, links, oben, grün, Select, Start … verstanden. Danke, Colin.“ Hormone hängte den Hörer des Notfalltelefons wieder an die Wand.
„Mir nach!“, befahl sie und rannte los. Grüne und rote Lichtblitze schossen an ihnen vorbei. Runald blieb stehen, ging in die Hocke und drückte den Abzug des Maschinengewehrs. Nichts geschah. Er liess das schwere Gerät fallen und wünschte sich, er hätte seinem Vater After besser zugehört, wenn er von Muggeltechnik geschwärmt hatte. Hormone, die Muggelkunde belegt hatte, sandte mit ihrer Pistole mehrere Geschosse in Richtung der Tortenesser, verfehlte aber und traf stattdessen Runalds Schulter. Im nächsten Augenblick schlugen mehrere Lichtblitze in seine Brust. Er sackte reglos zusammen.
Harry und Hormone schrien ein dramatisches, langgezogenes „Ruuunaaaaaaald!“. Sie versuchten, ihren gefallenen Kameraden zu erreichen, doch die Flüche, die ihnen um die Ohren flogen, nötigten sie zur Flucht. Mit Tränen in den Augen liessen sie Runald zurück. Hormone führte sie weiterhin an, folgte den Anweisungen, die sie telefonisch von Colin erhalten hatte. Plötzlich tauchte vor ihnen eine Gruppe Feinde auf. Eine Handgranate wurde von Shame-us geworfen, wurde aber prompt magisch entschärft. Sie kullerte harmlos wie ein Stein über den Boden. Harry holte zu einem Schwerthieb aus, doch Hormone zerrte ihn und Shame-us durch eine Tür in ein Büro. Es gab keine anderen Türen, keine Fenster. Sie waren in eine Sackgasse gelaufen. Keuchend verriegelten sie das gewöhnliche Türschloss, was bestimmt nichts nützte gegen zaubernde Tortenesser, aber man tat, was man konnte, und im Moment war das nicht viel. Harrys Zeiger stand auf sieben Minuten vor Mitternacht, wenn man den Beginn der Apokalypse als Mitternacht ansah, auch wenn es in dieser Zeitzone um einundzwanzig Uhr sein würde.
„Zeitzonen!“ Harry war eben ein Licht aufgegangen. Auf dem Weg von Hogwash über London nach [geheim] hatten sie mehrere Zeitzonen durchquert und nie hatte er seine Uhr nachgestellt. Sein Gehirn rechnete fieberhaft: Wenn ein Zug um fünf Uhr morgens in Hogsmeade mit achtunddreissig Passagieren abfuhr, beim nächsten Halt fünf ausstiegen und elf zustiegen, sie wegen einer Verspätung den Anschlusszug um zwei Minuten verpassten, der nächste aber erst in einer Stunde fahren würde, die Passagiere vierhundertneunzig Halbliterdosen Bier und zwei Kisten Schinkenspeckschnitzel kauften, davon vierhundertsechsundsechzig Bierdosen und hundertzwölf Schinkenspeckschnitzel konsumierten, wie oft mussten sie die Toilette benutzen? Harry schüttelte den Kopf. Darum ging es nicht. Er versuchte es weiter: Wenn sie sechsunddreissig weitere Male umgestiegen waren, eine Zeitzone nach Westen und drei Zeitzonen nach Osten durchquert hatten, das Flugzeug vierunddreissig Prozent schneller gewesen wäre, Harry zwischendurch eingeschlafen war, eine unbekannte Anzahl Erinnerungslücken erlitten hatte, und wenn er davon ausging, dass ihm der Weltuntergangstermin in aktueller Lokalzeit vermittelt wurde, dann hatte er keine Ahnung, wie viel Zeit ihnen noch blieb. Er stöhnte und rieb sich die Schläfen.
23.
„Kommt raus zum spieleeen!“ Eine fröhliche Frauenstimme rief nach ihnen. Durch das kleine trübe Fenster in der Tür sahen sie viele dunkle Gestalten sich im Korridor herumtummeln.
„Scheisse“, flüsterte Hormone. „Das ist Bellatrix Diefremde! Sie ist die wahnsinnigste von allen Anhängern des geisteskranken Mannes. Niemand hat jemals so viel Torte gegessen wie sie.“ Sie wunderte sich, warum ihre Häscher nicht einfach ins Büro eindrangen und sie erledigten.
Plötzlich wurde es so dunkel, als hätte jemand peruanisches Instant-Finsternispulver verwendet. Harrys zweiter Gedanke war, dass er wieder ohnmächtig wurde, doch er konnte das Heft des Schwertes weiterhin schwer in seinen Händen spüren. Er roch verbrannten Toast, jedoch nur in seiner Primärnase, in der Sekundärnase hingegen kitzelte es wie verrückt. Harry nieste mit der Kraft von einem Dutzend Kanonen. Als er die Augen öffnete, war es wieder hell. Er stand am Bahnhof Kings Cross.
„Nicht schon wieder! Ich habe die Nasen gestrichen voll!“, rief Harry. Er sah sich um. Diesmal war etwas anders. Es war nicht still und friedlich hier. Eine Kakofonie aus zahllosen Geräuschen und Stimmen hallte durch die Halle. Gleich neben ihm stand Professor Flickwerk und wusch Mund-dungus Fletcher die Haare, der Mace Windu eine Geschichte über Gargamel erzählte, wie dieser damals den Holunderstab von Pocahontas bekommen hatte. Daneben zankte sich Zonko mit Udo Bagman über den Preis, den er für einen Klon von Fleur von Chur verlangte, der gerade mit Legolas tanzte. Dazu musizierten Gallert Grindelwald, der fliegende blaue Ford Anglia, Mad-Eye Rudi und Batman auf glühenden Blasinstrumenten, die bei jedem Ton schweflige Dämpfe ausstiessen. Der arge Filz versuchte, mit einem Fächer in der Form eines Mantarochen die Dämpfe von sich fernzuhalten, wedelte sie aber zu Runalds unzähligen Brüdern, die drohend die Knöchel knackten und auf den argen Filz zugingen. Daredevil unterbrach seine Unterhaltung mit Olli Wander über die korrekte Einstellung der Trägheitsdämpfer der USS Enterprise, um dem wedelnden Hausmeister beizustehen. Rita von Kimme und Korn filmte das Geschehen mit einer riesigen Kamera, während ihr Griphook die Waden mit einem Kugelschreiber massierte.
Harrys Gehirn schrie. Und dann sein Hals. War er wieder tot? Erlitt er ein Aneurysma? War das real? War er real? Was bedeutete überhaupt Realität? Hatte er in seinem tiefsten Inneren nicht gewusst, dass er eine Romanfigur war? Konnte er überhaupt irgendetwas tun und spielte es eine Rolle was? Weiche Hände lösten den Knoten in seinem Gehirn. Neben ihm standen Hormone und Shame-us, die echt waren, oder jedenfalls echter als das Theater um ihn herum. Als Harry wieder regelmässig atmete, stibitzte Hormone den Zauberstab einer Yoda-Illusion, die sich mit Saruman duellierte. Noch bevor der kleine grüne Jedi-Meister vom Zorn seines Gegners getroffen wurde, petrificus-totaluste Hormone so hart, dass alles um sie herum still stand. Exakt drei Siebtel alle Betroffenen fielen mit einem Badumpf zu Boden. Nur Harry und Shame-us regten sich noch.
„Diese Schweine!“ Hormone schrie, spuckte und weinte. „Sie … sie haben es tatsächlich getan! Die gesamte Realität, zerstört durch eine Streamingserie.“ Sie fiel auf die Knie und schnäuzte sich in Harrys Umhang. Harry tätschelte ihren Wuschelkopf und sah sich um. Shame-us sagte kein Wort. Er spielte mit einer Handgranate und fragte sich wohl, wen oder was er in die Luft sprengen könnte. Auf seinem Rücken trug er immer noch den schweren Raketenwerfer. Zwischen all den bekannten und unbekannten Figuren, die mitten in der Bewegung erstarrt waren, als hätte jemand die Zeit angehalten, bewegte sich etwas.
„Tschuldigung, tschuldigung, darf ich?“ Die Gestalt kam näher.
„Ist das … Melville?“ Jetzt erkannte Harry sein Arschgesicht. Es war definitiv Melville Longbottom.
„Melville! Wie bist du hier her gekommen? Warum bist du nicht gelähmt?“
„Melville?“, fragte Melville verwirrt. „Ich bin der Doktor, sehr erfreut.“ Er schüttelte Harry und Shame-us hastig die Hände. Hormone hörte endlich auf zu flennen und stand wieder auf.
„Doktor wer?“
„Ja genau. Oh, das funktioniert nur auf Englisch. Egal.“ Der Melville-Doktor zappelte kontinuierlich herum, was unsere Helden nervös machte. „Schnibbedi-Schnick, die Zeit hat einen Knick. Ich bin schick und zeige euch jetzt einen Trick. Ich rette die Realität, immer ganz kurz bevor es ist zu spät.“
„Hören Sie sofort auf zu rappen, oder ich stecke Ihnen mein Schwert in die Nase!“, drohte Harry. Der angebliche Doktor wirkte gekränkt oder tat wenigstens so als ob.
„Danke, ich habe mein eigenes.“ Er zückte ein kurzes Gerät aus seiner Tasche, das wie eine Taschenlampe oder ein anderes Muggelgerät aussah. Ein lustiges Summen kam daraus hervor und ein Ende leuchtete blau. Er fuchtelte damit herum, zwängte sich zwischen Barty Couch Junior und Stan Schundpiek hindurch, erschrak sich an Wurmpenis‘ hässlicher Rattenfratze, brach Ching Chang Chong versehentlich einen Finger und bückte sich schliesslich, um seinen Muggelzauberstab auf den Boden zu richten. Harry und Hormone folgten ihm.
„Was haben Sie mit Melville gemacht? Haben Sie Vielsafttrank getrunken?“, verlangten sie zu wissen.
Der Doktor redete sehr schnell: „Ich keine keinen Melville, naja ich kenne viele Melvilles, aber wenn ihr mein Gesicht meint, ich habe es nur ausgeliehen, ich habe es nie getroffen, denke ich.“ Er hatte eine Luke im Boden geöffnet, aus der er nun scheinbar wahllos Kabel herausriss. Harry und Hormone konnten sich nicht erklären, wie jemand, der sich ein Gesicht aussuchen konnte, ausgerechnet Melvilles wählen sollte. Der mysteriöse Mann plapperte unablässig, während er in der Technik wühlte. „Böse, böse, Verlagsgesellschaften. Das passiert leider öfter. Behaupten, die Fans würden das so wollen, obwohl es nur um Geld und Macht geht. Ganz selten mal um Liebe. Naja, einmal. Und dann geht das Universum unter und ich muss alles wieder richten. Wenn ich jetzt die Polarität umkehre, dann sollte das …“ Das Kabel zwickte den Doktor, er lutschte sich die Finger und machte weiter. „Freches Ding! Ich will dir doch nur helfen!“ Er steckte seinen Zauberstab hinein und die gesamte Umgebung wurde trüber und immer trüber, bis sie verschwand. Im nächsten Augenblick standen der Doktor, Harry und Hormone in einem Raum voller riesiger Computer. Die Rechenmaschinen zischten und rauchten.
„Ta-daa!“, rief der Doktor, lief in eine blaue Polizeinotrufzelle, die drei mal wuuschte und das Ding verschwand mitsamt dem mysteriösen Helfer.
24.
Harry und Hormone standen reglos im zerstörten Serverraum des Ministeriums und versuchten, zu erfassen, was gerade passiert war. Es roch angenehm nach Kabelbrand und versengtem Plastik.
„Warte, wo ist Shame-us? Wir haben Shame-us vergessen!“ Harry raufte sich die Haare.
„Hat der Mann, der aussah wie Melville Longbottom, gerade in letzter Sekunde die Welt gerettet? Dann hätten wir also überhaupt nichts tun müssen?!“ Hormone knirschte verzweifelt mit den Hasenzähnen. „Das ist zum Mäusemelken! Ich will für meine Arbeit belohnt werden! Gib mit bitte eine Note Harry. Bitte!“ Sie packte ihn am Kragen. Ihr wahnsinniger Blick machte ihm Angst.
„Ähm … Kraft meines mir nicht verliehenen Amtes gebe ich Hormone Ranger zehn Punkte für Haus Rot und ein Ohnegleichen für ähm … Heldentaten und ähm Nichtgestorbensein.“
Harry und Hormone verliessen den ruinierten Serverraum und begaben sich in den nächsten Waschraum, um sich frisch zu machen, doch das war langweilig, weshalb der Autor entschloss, dies unerwähnt zu lassen. Währenddessen diskutierten sie das Geschehene. Sie kamen zu dem Schluss, dass Shame-us vielleicht seit der Befreiungsaktion nicht echt gewesen war, weshalb er das Herunterfahren durch den Melville-Doktor nicht überstanden hatte, jedenfalls hofften sie es, denn einfach nur zu Verschwinden wäre bestimmt nicht Shame-us‘ bevorzugte Todesart gewesen. Sie beschlossen, ihm zu Ehren das ganze Gebäude in die Luft zu sprengen, sollte sich die Gelegenheit bieten. Zusammen mit allen Illusionen war auch Hormones Yoda-Zauberstab verschwunden. Die Pistole hatte sie irgendwo verloren, das Langschwert aus der Waffenkammer hingegen war noch in Harrys Besitz. Sie verliessen die Toilettenräume, schlugen mit dem Schwert die Scheibe eines Snackautomaten ein, ärgerten sich über das mangelnde Angebot von Schinkenspeckschnitzeln, griffen stattdessen nach einer Packung Berty Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung, drei Kesselkuchen und einer Flasche Kürbissaft. Hormone schnitt sich dabei den Unterarm auf. Sie fluchte, riss ein Stück von Harrys Hemd ab, um die Blutung zu stoppen. Mitten im Bandagieren hielt sie inne und brach in schallendes Gelächter aus.
„Wenn davon eine Narbe bleibt, und ich es von der anderen Seite lese, steht da nicht mehr ‚mudblood‘, sondern ‚poopcow‘.“ Sie lachten zünftig, stärkten sich ohne die Störung von Tortenessern, Sicherheitspersonal oder Polizisten und atmeten tief durch.
„Merkwürdig ruhig hier“, sagte Harry und spuckte eine Bohne aus, die nach Zimt schmeckte. Er nahm sich eine, die nach Bohnen schmeckte. „Man könnte meinen, nach allem, was passiert ist, wäre hier die Hölle los.“
Hormone zuckte die Achseln. „Ich habe den Faden verloren. Lass uns Runald suchen, das Gebäude anzünden und abhauen.“ Harry hatte sie noch nie so apathisch gesehen. Er wünschte sich die alte Freundin zurück, deren Gehirn nie Ruhe gab. Wenn nun sogar Hormones Superhochleistungsgehirnvorrichtung beeinträchtigt war, dann war ihre Mission noch nicht vorbei – im Gegenteil – sie fing gerade erst richtig an.
25.
Der Unsichtbarkeitslappen wehte um seine Füsse, als Harry zum Fahrstuhl rannte. Niemand begegnete ihm auf dem Weg in den 9¾. Stock. Der Fahrstuhl roch nach Zuckerguss. Die Eingangshalle war leer. Der urinierende Brunnen war noch von einem Hauch Pipi umgeben. Harry ging geradewegs daran vorbei auf die schwarze Tür zu, die nur angelehnt war.
„Melville Longobttom hat unseren Serverraum zerstört? Dasselbe Arschgesicht, das meine liebe Vagini enthauptet hat?!“
„J-ja Meister, ich fürchte schon. Die Überwachungskameras zeigen es.“
Harry schlich sich näher zur Tür, zog den Unsichtbarkeitslappen enger um sich. Durch den Spalt sah er Pornelius Fugg blass und ausgemergelt auf dem Boden knien. Von seiner Arroganz war nichts mehr übrig. Harry reckte den Hals, um die zweite Person zu erspähen, konnte allerdings niemanden sehen. Er wagte nicht, die Tür weiter aufzustossen. Er lauschte.
„Überwachungskameras?“
„Ein Sicherheitsgerät der Muggel, sehr effektiv.“
„Damit kann ich überall gleichzeitig hinsehen?“ Der Meister klang fasziniert. Plötzlich war ein Schrei zu hören, gefolgt von einem Treiben und schnellem Gerede.
„Wie sehe ich aus? Sitzt sie gerade?“, wollte der Meister wissen.
„J-ja, Gebieter, sie passt wie Arsch auf Eimer. Ihr seid wunderhübsch, mein Lord.“
Hatte Harry eben ‚Lord‘ gehört? Deshalb also kitzelte seine Sekundärnase so sehr, seit er in diesem Gebäude war. Harry liess alle Vorsicht ausser Acht. Er trat mit Schmackes die Tür auf, warf den Lappen ab und schrie aus Gewohnheit „Expelliarmus!“, obwohl er keinen Zauberstab trug. Zur Verblüffung aller Anwesenden schoss aus Harrys Zeigefingerspitze ein hellblauer Lichtblitz, prallte in spitzem Winkel von der Wand ab, schlug in die Whiskeybar ein und liess Scherben und Spirituosen regnen. Pornelius warf vor Schreck seinen Zauberstab weg, der aus dem offenen Fenster flog. Harry hatte seinen Lieblingszauber so sehr perfektioniert, dass er ihn ohne arkanen Fokus wirken konnte. Er freute sich sogar ein bisschen, seine Nemesis, den geisteskranken Mann, zu sehen, denn nun konnte er seine neuen Fähigkeiten in einem epischen Bosskampf erproben, doch etwas machte Harry stutzig. Mitten im aschfahlen Gesicht mit den Schlangenaugen, das ihn seit neunzehn Jahren in seinen Albträumen verfolgte, sass eine grosse, wohlgeformte, braungebrannte Menschennase. Sie kontrastierte so stark mit dem Rest des Gesichts, dass Harry unwillkürlich lachen musste. Fast wäre ihm das Schwert aus der Hand gefallen.
„Warum lachst du?!“, schrie der geisteskranke Mann. Er wandte sich an seinen Diener: „Du hast gesagt, sie sehe toll aus! Ihr alle habt das gesagt!“ Pornelius bibberte.
„Klassisches Tyrannenproblem“, erklärte Harry. „Niemand traut sich, schlechte Nachrichten zu überbringen, weil sie dafür möglicherweise gefoltert oder getötet werden. Alle geben dir Recht und sagen nur, was du hören willst. Dadurch entgehen dir wichtige strategische Informationen. Zum Beispiel, dass deine Gefangenen ausgebrochen sind.“ Harry freute sich, doch etwas auf Hogwash gelernt zu haben, dann merkte er, dass ihm das Hormone beigebracht hatte. Hoffentlich hatte sie inzwischen Schrödingers Runald gefunden.
„Das spielt bald keine Rolle mehr! Neunundsechzig Jahre lang habe ich auf diesen Moment gewartet! Endlich …“, sagte die böse Stimme und wurde unterbrochen.
„Neunundsechzig? Das kann nicht stimmen. Vielleicht sollten die Zauberer beginnen, Mathematik zu unterrichten.“
„Du vergisst unseren Kampf im Weltenraum vor drei Jahren, die Zeitdilatation …“
„Du hast recht, Tom, das habe ich vergessen. Du warst also im All? Ist es wahr, dass der Mann im Mond mich im Schlaf beobachtet?“
„Genug jetzt!“, zischte der geisteskranke Mann. „Jetzt hole ich mir meine Nase zurück, und deine nehme ich gleich dazu. Avadaaa …“ Er erhob den Zauberstab, doch Harry unterbrach ihn: „Es heisst Avada, nicht Avadaaa …“
„Was?!“
„Avada Kedavra!“, rief Harry in perfekter Betonung. Hätte er seinen Stecken gehabt, wäre der dunkle Lord jetzt wohl gestorben. Stattdessen schnudderte Harry gewaltig aus allen vier Nüstern. Vier grüne Schleimstrahlen vereinten sich zu einem, dieser traf des geisteskranken Mannes Zauberstabhand. Der dunkle Lord schleuderte den Stab weg, wischte die Hand an Pornelius Fuggs Ledersessel ab. Angeekelt starrte er den Stecken an, wagte es jedoch nicht, ihn anzufassen.
„Du Rotzgör! Jetzt ist Sense!“ Doch anstatt einer Sense zog er einen Krummsäbel unter dem Mahagonischreibtisch hervor. Harrys Blick fiel auf das Schwert in seiner eigenen Hand. Darum also hatte er dieses schwere Ding die ganze Zeit über mit sich herumgetragen. Er hob es über seinen Kopf und spaltete den massiven Schreibtisch, als wäre er ein Holzscheit. Pornelius Fugg floh kreischend aus dem Büro. Der geisteskranke Mann sprang über die Trümmer hinweg und hieb mit dem Krummsäbel nach Harry. Ein atemberaubender Schwertkampf brach los im Büro des Ministers. Hätte jemand zugesehen, hätte er Harrys präzise Beinarbeit bewundert, des dunklen Lords Finesse bestaunt und sich an der effektvollen Zerstörung des Mobiliars erfreut. Die Überlegenheit des geisteskranken Mannes wurde nur dadurch geschmälert, dass er regelmässig seine Nasenprothese berichtigen musste.
Schon nach zwei Minuten adrenalingeladenen Kampfes wurden die Bewegungen beider Duellanten träger. Sie schwitzten, rangen nach Luft und wurden immer langsamer. Schliesslich schepperten beide Schwerter simultan zu Boden, die Kämpfer lehnten sich keuchend an gegenüberliegende Wände. Wer hätte gedacht, dass Muggelkämpfe so kräftezehrend waren? Vielleicht wären sie fitter, wären sie nicht so oft gestorben. Der geisteskranke Mann nutzte die Pause, um den obligatorischen Bösewicht-erklärt-in-aller-Ruhe-seinen-Plan-zur-Weltherrschaft-Monolog zu halten:
„Schon lange habe ich die Flourish & Blotts Verlagsgesellschaft infiltriert. Jede Idee, war sie auch noch so dämlich, habe ich durchgewunken und finanziert. Es hat funktioniert, auch wenn es länger ging, als ich dachte. Der Schleier zwischen Realität und Illusion wurde immer dünner, und du wurdest stetig verwirrter. Anfangs hatte ich gehofft, dadurch eine Realität zu erschaffen, in der du mich niemals verstümmelt hast. Hunderte von absurden Geschichten habe ich produziert, aber in keiner davon hatte ich meine Nase wieder. Ich war so hübsch, als ich noch der Riddler war …“ Der geisteskranke Mann kramte in der Whiskeybar nach einer heilgebliebenen Flasche, schenkte sich ein Glas ein und nippte daran. „Wenn ich endlich wieder hübsch bin, dann werde ich der Protagonist. Schluss mit Harry Potter und dies, Harry Potter und das. Dann heisst es Lordemort und die Ermordung des frechen Bengels. Lordemort und der Triumph der Tortenesser. Lordemort und die Malefoys feiern Weihnachten! Lordemort und … so weiter. Deine geistige Beeinträchtigung brachte mich schliesslich auf eine bessere Idee. Durch immer hahnebüchendere Spin-Offs, Crossover, Remakes, Re-Releases und Adaptionen schwächte ich dich, Harry Potter, immer mehr. Nun bist du bereitwillig zu mir gekommen, ohne Zauberstab und ohne Plan.“ Der geisteskranke Mann lachte diabolisch. Es hallte lange im Büro wieder. Die Akustik war einwandfrei.
26.
Ein halbtransparenter weisser Gespensterhund betrat den Raum durch den Fussboden. Er öffnete seine Schnauze und sprach in Runalds Stimme: „Spring aus dem Fenster in vier … drei …“ Harry hechtete wie ein echter Held aus dem Hause Rot aus dem Fenster. Der Wolkenkratzer explodierte. Im Gegensatz zum World Trade Center wurde er innert Sekunden vollständig pulverisiert. 9¾ Stockwerke tiefer landete er weich auf einem glitschigen Haufen Gewächs. Glassplitter und Betonstaub prasselten auf Harry und seine Freunde nieder, die er noch nicht wahrgenommen hatte. Viele Hände zerrten ihn von dem Gewächs herunter, bevor die Teufelsschlingen Harry erdrosseln konnten. Harrys Zauberstab wurde ihm von Hormone in die Hand gedrückt. Harry, Hormone, Mona, Melville, Colin sowie die nicht-gestorbenen Runald und Shame-us blickten hoch zum ehemaligen Ministeriumsgebäude. Eine riesige Flammensäule loderte vom Boden bis zum Himmel empor. Daraus hervorgeflogen kam eine Gestalt. Es war der geisteskranke Mann, der lichterloh brannte, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen. Aufrecht schwebend kam er auf die sieben Freunde zu. Erneut liess er sein diabolisches Lachen erschallen. Sieben Zauberstäbe erhoben sich, sieben Münder riefen gleichzeitig Expelliarmus und Aguamenti und Crucio und Bombarda und Stupor und Avada Kedavra und sogar Flipendo. Die Flüche vereinten sich am Ziel, wo Lord Flammdemort in einer Dampfwolke verpuffte. Eine Weile schauten sie dem Feuer zu, um sicher zu gehen, dass der geisteskranke Mann in den ewigen unumkehrbaren Zustand des Nicht-nichtgestorbenseins übergegangen war.
„Und was machen wir jetzt, Harry?“, fragte Runald.
„Keine Ahnung. Etwas unmagisches, wie zum Beispiel eine Bäckerei zu eröffnen.“
27.
„Huuugo, geh doch bitte zu Tante Luna und bring noch einen Stapel Klitterer mit, wir haben fast kein Einpackpapier mehr.“
„Ja, Onkel Harry.“ Der kleine Hugo schlüpfte in Jacke und Klettverschlussschuhe und eilte nach draussen ins Schneegestöber. Frische, kühle Luft vermischte sich mit dem warmen Geruch frisch gebackenen Brotes.
„Albus, sei so gut und hol noch einen Sack Dinkelmehl aus dem Lager nach oben.“
„Dääääd, das ist Kinderarbeit!“
„Los jetzt, du darfst dafür heute Abend mit Scorpius ins Kino. Von mir aus könnt ihr auch einen Horrorfilm sehen. Aber spielt nicht mit Zeitumkehrern!“
Das sanfte Klingeln der Ladentür kündete einen Besucher an. Ein jugendliches Mädchen betrat unsicher den Laden.
„Gluten Morgen“, wünschte Harry, „Willkommen bei Harry Potter und die Heiligtümer des Brotes, was darfs denn sein?“ Das Mädchen zögerte.
„Ähm, darf ich bitte ein Autogramm haben?“
„Haben wir nicht“, sagte Harry lakonisch. „Wie wärs mit einem Mohndbrötchen? Sie sehen aus wie Halbmonde und sind mit Mohn garniert.“ Die kleine Rose kam mit wehendem rotem Haar die Treppe hinuntergepoltert.
„Betty, hör auf, meinen Onkel nach Autogrammen zu fragen, das ist soo peinlich.“ Betty grinste verlegen. Rose schnappte zwei Mohndbrötchen und verschwand mit ihrer Freundin aus dem Laden. Beinahe wäre sie mit ihrem Vater zusammengestossen, der einen saftig grünen Tannenbaum hereinschleppte und dabei nassen Schnee und Nadeln auf dem Fussboden verteilte. Er stellte den Baum ins Schaufenster, klopfte den restlichen Schnee ab und liess sich neben Harry auf einen Stuhl hinter dem Tresen sinken.
„Ein Prachtexemplar“, lobte Harry.
„Ich weiss, ich habe mich gut gehalten“, erwiderte Ron.
„Ich meinte den Baum.“
„Ja, der ist auch hübsch. Und wenn die Kinder ihn geschmückt haben, wird er der schönste Weihnachtsbaum, der jemals in einer Bäckerei gestanden hat.“ Die alten Freunde machten sich Kaffee – mit einem Schuss ‚Magie‘ für die Weihnachtsstimmung – und gönnten sich dazu ein heisses Schinkenspeckschnitzelbrötchen.
„Wie geht es Hermine?“
„Viel Arbeit. Du kennst sie doch. Sie hat nicht locker gelassen, bis sie endlich die Rechte an sämtlichen Harry-Potter-Werken für dich gesichert hatte, und bald haben alle Charaktere die Rechte an sich selbst. Es fehlen nur noch Griphook und Pansy Parkinson. Dann können nur noch wir selbst über uns bestimmen, und alle Beteiligten müssen einverstanden sein.“ Er nahm einen grossen Bissen seines Frühstücks und sprach mit vollem Munde weiter: „Über Weihnachten muss sie sich aber frei nehmen, habe ich ihr gesagt, sonst lasse ich mich scheiden und verkaufe die Kinder an den Zirkus.“ Harry lachte.
„Rose würde sich da bestimmt wohl fühlen.“ Schweigend assen sie auf und schauten dem Tanz der Schneeflocken vor dem Fenster zu.
„Und was macht Ginny?“, fragte schliesslich ihr Bruder.
„Hält das Haus erfolgreich zusammen und die Kinder davon ab, sich gegenseitig zu zerfleischen. Aber wenn die nächste Quidditch-Saison losgeht, muss ich wieder eine Weile ohne sie überleben. Zum Glück habe die Unterstützung meines treuen Bäckerpartners, Ronald Weasley.“ Sie prosteten sich zu. Die Magie im Kaffee brannte in Harrys Kehle.
Das Glöckchen klingelte. Nevilles Mondgesicht betrat die Bäckerei und schloss sich der gemütlichen Gesellschaft an. Er erzählte, dass Seamus nun für die Pyrotechnik bei Rammstein zuständig sei und sie alle Tickets für das Neujahrskonzert erhalten würden, dass Colin den Pulitzer-Preis gewonnen hätte und dass Harrys und Rons Kinder akzeptable Leistungen im Kräuterkundeunterricht abliefern würden. Der neu eingeführte Deutsch- und Mathematikunterricht sei nicht sehr erfolgreich, aber immerhin würde er durchgeführt. Die nächsten Stunden tranken die drei Freunde Kaffee mit Feuerwhiskey, verkauften zwischendurch Brote und Törtchen und lachten schadenfroh, wenn draussen auf dem Glatteis jemand ausrutschte.
„Weihnachtsferien sind voll knorke“, sagte Ron. Sein Rülpser liess das Schaufenster erzittern. Eine ältere Dame, die gerade hereingekommen war, erschrak, lachte dann aber verlegen und kaufte zwei Kilo Dinkelbrot und wünschte allen ein frohes Fest.
Mittags kam Ginny mit Mehl in ihrem roten Haar nach oben in den Laden, zog die Schürze aus, küsste Harry und begrüsste ihre Freunde. Nach und nach kamen auch Rose, Hugo, Albus, James und Lily zurück, und als gegen Abend endlich auch Hermine eintraf und verkündete, alle Rechte den jeweiligen Personen zugesichert zu haben, assen sie tonnenweise Kuchen und Schinkenspeckschnitzelbrötchen und dann schmückten sie gemeinsam den Weihnachtsbaum. Zugegeben, er war nicht der schönste Christbaum, der jemals ein einer Bäckerei gestanden hatte, aber es war ihr Christbaum. Sie beschlossen, am nächsten Tag alle zusammen eine Winterwanderung zu machen und am Tag darauf Achterbahnfahren zu gehen. Spät abends gingen James und Albus mit Scorpius ins Kino, Hugo, Lily und Rose spielten im Keller auf der Xbox und die Erwachsenen zogen sich ins Wohnzimmer zurück, um Nevilles neue Pfeifenkrautkreuzung auszuprobieren.
Alles war gut.
Bis auf das Pfeifenkraut – es schmeckte scheusslich.