Eine Kurzgeschichte, die ich für Halloween 2023 geschrieben habe. Inspiriert von Urban-Explorer-Youtube-Videos.
von Julian Solèr
Nach dem Abendessen mit der Familie setzte ich mich an meinen Computer, legte die Beine hoch und war gerade rechtzeitig bereit, um meinen Lieblingslivestream anzuschauen. „Hallo ich bin Rob, ein Urban Explorer, und mit meinen Freunden erkunde ich die faszinierendsten verlassenen Orte weltweit!“, kündete der junge Mann auf meinem Bildschirm an. Er stand in der Abenddämmerung im Wald vor einem massiven Bunkereingang aus Stahlbeton. Die Details waren im spärlichen Licht seiner Kamera schlecht zu erkennen. In diesem Moment war er alleine in Osteuropa, um sich in einen verlassenen Bunker zu schleichen und alles zu filmen, um es der Welt zu zeigen. Er erzählte von seiner beschwerlichen Anreise, davon, wie sein Gefährte nicht kommen konnte und was er im Inneren zu sehen hoffte. Gerüchten zufolge wurde am Ende des zweiten Weltkrieges ein Teil des Bunkerkomplexes versiegelt, um einen biologischen oder chemischen Stoff einzusperren – und mit ihm drei Dutzend Soldaten. Seitdem soll es in dem Bunker spuken. Die Anwohner sprachen von merkwürdigen Geräuschen. „Alles nur Geschichten“, sagte Rob. „Ich mache das hier schon seit acht Jahren und habe noch nie einen Geist oder etwas Derartiges gesehen.“ Der Eingang war verschweisst, doch der erfahrene Entdecker fand schnell einen Zugang in Form eines schmalen Schachtes. Ich öffnete mir ein Bier und sah gespannt zu wie er sich frohen Mutes hinunterquetschte. Unten angekommen zeigte er uns kahle Betonwände, alte Schilder, dicke Panzertüren, die phosphoreszierenden Leitlinien an den Wänden und zurückgelassene Gegenstände aller Art, teilweise verrostet und teilweise erstaunlich gut erhalten. In diesem Moment sah ich hinter ihm etwas durch das Bild huschen, doch es ging zu schnell und es war zu düster, um es zu erkennen. Ich machte Rob im Chat darauf aufmerksam, doch glaube ich nicht, dass er sich die Zeit nahm, die Nachricht zu lesen. Ich sagte mir, dass sich gerne einmal Vögel, Ratten oder Fledermäuse an solche Orte verirrten, und vergass den Vorfall, wieder während ich das alte Bauwerk bestaunte. Das Fehlen von Graffiti unterstützte die Vermutung, dass er wahrscheinlich der erste Besucher seit Dekaden war. Rob erklärte den Zuschauern gerade das manuelle Notbelüftungssystem, als er durch ein lautes Klirren unterbrochen wurde. Es klang wie ein metallener Gegenstand, der auf den Betonboden aufschlug. Rob hielt erschrocken inne, gewann seine Fassung aber gleich wieder zurück. „Wahrscheinlich ist nur etwas auseinandergefallen. Oder irgendwelche Tiere haben sich verlaufen. Wir werden sehen.“ Er bewegte sich vorsichtig den Gang entlang, der Geräuschquelle entgegen. Als ich gerade eine Tüte Erdnüsse öffnete, hörte ich ein schlurfendes Geräusch, gefolgt von einem Kratzen. Beides wurde immer lauter. Der Hobbyentdecker erreichte eine geschlossene Tür, die mit einem offiziellen Siegel versehen war. An dieser Stelle war das Kratzen am lautesten, zweifellos kratzte etwas – oder jemand – an der Innenseite dieser Tür. Rob vergass seine übliche Achtsamkeit, kurbelte die Tür auf und erbrach das Siegel. Ich klebte vor gespannter Erwartung fast an meinem Bildschirm, auf dem ich nun beobachtete, wie die Tür aufgezogen wurde. Im selben Moment hatten die Schlurf- und Kratzgeräusche aufgehört. Mein Blick fiel auf einen weiteren leeren Gang, jedoch diesmal sehr viel staubiger. Ich atmete auf und lehnte mich wieder zurück. Im Dreck auf dem Boden waren frische Fussabdrücke erkennbar; grosse Abdrücke von Armeestiefeln. Von hier an trafen immer häufiger Störungen in der Bildübertragung auf, so dass ich teilweise sekundenlang auf ein eingefrorenes Bild starrte. Ich erkannte diverse Laborgeräte: Reagenzgläser mit einem Rest einer Flüssigkeit, angelaufene Glaskolben, gesprungene Petrischalen, ein Skalpell und Kanister voller Chemikalien und ein mit getrocknetem Blut bedeckter Operationstisch. Im Video hörte man einen lauten Knall und der Beton rieselte von der Decke. Rob fluchte und rannte unter heftigem Schnaufen zurück. Die ehemals versiegelte Tür war zugefallen – und von aussen verriegelt. Das Fluchen wurde zu einem verzweifelten Schluchzen, als er gegen die Tür pochte. Dann ertönte wieder das Schlurfen und Kratzen. Rob lehnte mit dem Rücken an der verschlossenen Pforte und blickte in Richtung des Labors. Ein Mann in einem dicken dunkelgrünen Wollmantel, schweren Stiefeln und Ledergürtel hinkte direkt auf Rob zu. Als er näher kam, sah ich einen verwesten Schädel unter dem Stahlhelm hervorblitzen. Die Augenhöhlen waren finstere Abgründe, das Fleisch grau und in Lappen von den Wangen hängend, der Unterkiefer fehlte vollständig. Rob liess seine Kamera fallen und ich wurde Zeuge davon, wie der Soldat seine knochigen Finger in Robs Brustkorb trieb. Entsetzliche Schreie drangen durch den Äther, während die Kreatur sich an Robs Blut labte. Dieses Schreckensbild war nur für einen Augenblick zu sehen, dann brach die Übertragung vollständig ab.
Eine Weile sass ich entsetzt an meinem Schreibtisch. Dann begann ich, um die Echtheit der Übertragung zu rätseln. Es war durchaus möglich, dass alles inszeniert worden war. Als ich zu Bett ging, fiel mir ein, dass es nicht machbar war, aus einem Bunker ein kabelloses Signal für diesen Livestream zu senden. Ich lächelte über meine Torheit und schlief beruhigt ein. Eine Woche später las ich in der Zeitung folgenden Bericht:
In Polen sind aus einem alten Bunker schockierende Experimente ans Licht gekommen. Witold Kendziorski, Professor für Geschichte an der Universität Rzeszów, berichtet von Projekt Abraham, dessen Zweck es war das menschliche Leben durch chirurgische Eingriffe und konservierende Chemikalien beträchtlich zu verlängern. Entdeckten Militärdokumenten zufolge wurden zahllose Soldaten der eigenen Armee zu Experimenten gezwungen, mit dem scheinbaren Ziel, eine Art Supersoldat zu erschaffen. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden vom Weltkrieg überschattet und darauf bald vergessen. Das Laboratorium im hintersten Teil des Bunkers wurde 1939 nach einem Zwischenfall versiegelt und der Bunker wurde kurz darauf aufgegeben. Seither ranken sich unheimliche Mythen um den verlassenen Bunker. Anwohner berichteten immer wieder von merkwürdigen Geräuschen und unheimlichen Erscheinungen, die jedoch bisher als Volkssagen abgewinkt wurden. Aufmerksam wurden die lokalen Behörden durch das Verschwinden eines sogenannten Urban Explorers, ein Erkunder verlassener Bauwerke. Der zweiunddreissigjährige Belgier Robert Kruppen ist in der Nacht vom 31. Oktober in den entsprechenden Bunker eingedrungen und hat sein Abenteuer live im Internet übertragen. Die örtliche Polizei konnte uns keine Informationen über seinen Verbleib geben.