Dies ist der Anfang meiner Geschichte «Vivaldis Geheimnis». Den Rest der Geschichte sowie 19 weitere Zukunftsgeschichten anderer Autoren finden Sie in der Anthologie «Tagebuch aus dem 22. Jahrhundert», ISBN 978-3-8197-6191-1. Sie beinhaltet die besten Geschichten aus dem Wettbewerb 2024 von pierremontagnard.com.
Vivaldis Geheimnis
von Julian Solèr
29. Mai 2150
Dieses in Leder gebundene, vergilbte Notizbuch, in das ich schreibe, ist das erste und einzige Buch, das ich jemals sah. Bücher werden schon lange nicht mehr hergestellt, nicht auf der kahlen Erde und schon gar nicht hier auf dem Merkur. Ich habe es auf dem Markt von einem alten Mann im Tausch gegen eine Hand voll Batterien erhalten. Es dauerte mehrere Tage, bis ich auch einen Kugelschreiber fand. Nun liege ich in meiner Koje, lausche dem leisen Brummen der Lebenserhaltungssysteme und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Das Zimmer ist nicht viel grösser als das Bett. Es gibt kein Fenster. Das kalte Grau der Wände wird nur an einer Stelle von einem Gemälde unterbrochen. Es zeigt eine Berglandschaft auf der Erde, komplett mit Sonne, Bäumen, Bach und allem, was dazugehört. Meine Mutter malte es und es ist das Einzige, was mir von meinen Eltern noch bleibt. Sie sind vor dreissig Jahren in eine Raumfähre gestiegen, haben die überbevölkerte und ausgebeutete Erde zurückgelassen und sind als Arzt und Maschineningenieurin unter den ersten Kolonisten auf dem Merkur gelandet. Sie waren massgeblich am Aufbau der Station Vivaldi beteiligt. Einige Jahre später wurde ich geboren – doch heute bin ich alleine.
In sechs Stunden beginnt meine nächste Schicht in den Minenschächten. Die Arbeit ist trotz modernster Werkzeuge anstrengend und monoton, jedoch geht es uns besser als denen, die auf der Erde geblieben sind, wo die Luft brennt und das Wasser giftig ist – jedenfalls sagt man mir das immer wieder; ich war noch nie auf der Erde.
30. Mai 2150
Heute ist nach fast drei Monaten, das heisst Erdenmonaten, endlich wieder die Sonne aufgegangen. Für einige Stunden ist es jeweils extrem heiss in der Station, bis die atmosphärischen Systeme sich dem gewaltigen Temperaturunterschied angepasst haben. Trotzdem erfreuen sich alle des natürlichen Lichts und in den ersten Tagen ist die Stimmung allgemein heiterer. Den ganzen Tag lang wurde im Habitat – so nennen wir die grosse Freizeitkuppel – ein Fest gefeiert. Im gleissenden Sonnenlicht wurde zwischen den üppig grünen Pflanzen des Habitats gespielt, getanzt und getrunken. Nach meiner Schicht in der Mine wusch ich mich unter der Schalldusche und drängte mich durch die ausgelassene Menge. Ich war keineswegs wegen der Feierlichkeiten hier, dafür war ich nicht in Stimmung; ich suchte nach meinem Freund. Jedenfalls ist er die einzige Person, die dieser Bezeichnung einigermassen nahe kommt. Das monotone Brummen der Musik aus den Lautsprechern malträtierte meine Trommelfelle. Warum spielt nie jemand Vivaldi? Schliesslich ist dieser Krater – und damit die Station – nach ihm benannt. Die Luft war stickig und warm. Die vielen Leute und die Sonne machten der Atmosphärenkontrolle schwer zu schaffen. Nach weiteren Minuten voller Ellbogenstösse und Begrüssungsfloskeln fand ich endlich meinen Freund. Er hielt ein Bier in einer Hand, einen Grillspiess in der anderen und stopfte beides abwechselnd in sein rundes Gesicht. Gleichzeitig machte er sich an Anina heran, doch ich wusste bereits, wie das ausgehen würde. Sie sonnt sich jedes Mal in seinen Komplimenten und lässt ihn dann stehen. Auch heute musste ich nicht lange warten, bis sie ging. Ich versuchte, ihn zu überreden, an einen ruhigen Ort zu kommen, damit ich mit ihm sprechen konnte. Er blieb stur stehen und sagte, er wolle sich die gute Laune nicht durch meine „Verschwörungstheorien“ verderben lassen. Auf dem Weg zum Ausgang kaufte ich mir einen Grillspiess und verliess damit den Trubel. Ich setzte mich vor ein Fenster und ass, während ich die unwirtliche Oberfläche des Merkur betrachtete.
Ich liege jetzt wieder in meiner Koje und möchte aufschreiben, wozu ich gestern nicht mehr gekommen bin; meine Entdeckung, den Grund, warum ich dieses Tagebuch schreibe. Vor einigen Wochen lag ich wie jetzt hier in meiner Koje und fummelte an einem Lichtradio herum, das ich aus dem Schrott stibizt hatte. Ich musste nur den Phasenverstärker neu kalibrieren und das Gerät heulte los. Für einige Sekunden hörte ich eine ungewöhnliche Musik, wie ich sie noch nie gehört hatte. Darauf folgte ein Einspieler – von einer Radiostation auf der Erde! Einige kurze Sätze des Moderators bestärkten meine Vermutung, dass dies keine Aufzeichnung war. Dann brach die Sendung abrupt ab und das Radio empfing nur noch die kosmische Hintergrundstrahlung. Abgesehen von der eigenen Sendung der Station Vivaldi konnte ich keinen andere mehr erreichen. Seither probiere ich es jeden Tag.
„Die Erde lebt! Dort leben zufriedene Menschen! Die Verantwortlichen belügen uns! Wir könnten nach Hause fliegen, frische Luft atmen!“ So hatte der verrückte Jenkins immerzu gesprochen. Niemand hatte ihm Gehör geschenkt – die Geschichte war einfach zu fantastisch, zu schön, um wahr zu sein. Er war schon immer ein Exzentriker gewesen, aber später wurde er immer aufdringlicher, und auch irgendwie unheimlich. Die Kolonisten – und auch ich – sahen in ihm immer eine Art Dorftrottel. Als er irgendwann verschwand, fragte niemand danach. Er war alt und gebrechlich gewesen. Es wurde allgemein angenommen, seine Zeit sei nun mal gekommen. Niemals hätte ich gedacht, dass Jenkins wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Und das wirft auch auf sein Verschwinden ein ganz anderes Licht … Doch warum sollte man uns belügen? Wer würde davon profitieren, uns hier zu behalten? Darüber denke ich oft nach. Ich wollte die Geschichte allen erzählen, aber der alte Jenkins hatte schon gezeigt, dass das nichts nützen würde. Nur meinem Freund versuchte ich, die Wahrheit zu sagen, doch wie das ausging, steht ja weiter oben. Ich beschloss, alleine etwas zu unternehmen.
14. Juni 2150
Bei meiner letzten Eintragung bin ich unterbrochen worden. Jemand hatte plötzlich an die Luke meiner Schlafkoje geklopft. Das passiert sonst nie. Die kleinen Räume sind der einzige Ort, der uns alleine gehört. Diese Privatsphäre wird allgemein respektiert. Wer würde also spät nachts bei mir anklopfen? Ich hatte hastig das Tagebuch unter die Matratze gestopft und eine Hose angezogen. Mit klopfendem Herzen drückte ich auf den Knopf neben der Luke und sie öffnete sich mit einem kaum vernehmbaren zischen. Niemand war zu sehen. Ich trat hinaus und sah mich um. Die benachbarten Kojen waren alle geschlossen und der Korridor war still. Die Storen an den Fenstern hielten das meiste Sonnenlicht ab. Mein rechter Fuss berührte etwas und erzeugte ein Kratzgeräusch. Ich bückte mich und begutachtete das flache, rechteckige Ding. Es war eine rote Zugangskarte. Jeder Kolonist hat eine Karte. Die einfache Bevölkerung, wie auch ich, haben eine gelbe. Damit kann man die meisten Türen öffnen. Die Instandhaltungstechniker und einige Vorgesetzte haben eine blaue Karte. Sie bietet zusätzlich Zugang zu den Filteranlagen, dem Kraftwerk, der Hydroponie und weiteren wichtigen Einrichtungen. Aber eine rote Karte haben nur die Verantwortlichen. Sie öffnet jede einzelne Tür auf Vivaldi und bietet Zugang zu jedem Computerterminal. Die Karte sah nagelneu und makellos aus – nicht wie meine alte zerkratzte und geschundene gelbe Karte. Verblüfft stellte ich fest, dass auf der roten der Name des Besitzers fehlte. Er war nicht entfernt worden, es sah eher aus, als sei nie einer da gewesen. Die Schleuse am anderen Ende des Ganges öffnete sich und ein sichtlich angetrunkener Mann schlenderte müde aber zufrieden mir entgegen. Ich stopfte hastig die Karte in meinen Hosenbund und betrat wieder meine Koje. Ich überlegte mir ein neues Versteck, legte Tagebuch und Schlüsselkarte hinein und dachte dann angestrengt nach. War die Karte eine Warnung, eine Drohung oder tatsächlich ein Geschenk? In jedem Fall wusste jemand, dass ich etwas wusste. Nach diesem Schock nahm ich mein Tagebuch mehrere Tage nicht mehr hervor. Ich dachte unentwegt darüber nach, wer mir die Karte zugespielt haben könnte, doch ich wurde nicht schlauer.