Auch diese Geschichte habe ich für einen Wettbewerb geschrieben. Das Thema war «Reinkarnation». Die Idee war schon seit meiner Kindheit in mir drin, und ich bin froh, sie jetzt aufgeschrieben zu haben. Immerhin meiner Mama hat die Geschichte gefallen.
von Julian Solèr
Timo war fünf Jahre alt, als sein Großvater – sein Neni – starb. Er war nicht traurig, verstand nicht, warum seine Mutter so sehr weinte. Es dauerte lange, bis er begriff, dass sein Tod bedeutete, dass Neni nie wieder an verregneten Nachmittagen vorbeikommen würde, um sich ins Spielzimmer zu setzen und mit endloser Geduld mit seinen Enkeln nach dem nächsten passenden Klemmbaustein zu suchen. Timo hatte ein besonderes Band zu seinem Großvater. Wenn sich ihre Blicke trafen – beim Essen, beim Spielen, beim Geschichtenerzählen –, zwinkerte der Großvater ihm zu. Er tat dies nur, wenn sonst niemand hinsah, und immer zwinkerte er zweimal schnell hintereinander mit dem linken Auge und trug dabei ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Das war ihr Geheimzeichen. Der kleine Timo versuchte dann, die Geste zu kopieren, schaffte es aber nie, nur mit einem einzelnen Auge zu blinzeln, immer schloss sich auch das rechte.
Als er seinen Neni das letzte Mal sah, lag er auf dem Sofa ausgestreckt. Er konnte fast nicht sprechen, doch ein letztes zweifaches Zwinkern brachte er noch hervor. Man erklärte Timo, der Großvater wäre krank, doch für den Fünfjährigen bedeutete krank sein ein paar Tage Ungemach und danach ging das Leben weiter wie zuvor, deshalb konnte er die bedrückte Miene seiner Familie nicht nachvollziehen. Eine Woche später war der Großvater tot. Erst Jahre später hatte Timo das Gewicht dieses letzten Besuches erkannt und die vage Erinnerung, die noch in seinem Gedächtnis war, hatte einen Ehrenplatz bekommen.
Timo besuchte mit seiner Familie oft das Grab. Es lag auf dem städtischen Friedhof unter einem großen, knorrigen Kastanienbaum. Im Herbst sammelten sie die Kastanien ein, um daraus etwas zu basteln. Umgeben von gelbem Laub erklärte die Mutter Timo, der Großvater sei jetzt im Himmel bei den Engeln. Das konnte er sich nie so richtig vorstellen, denn im Himmel, da waren die Flugzeuge, und weiter oben kam bereits das Weltall, das wusste Timo aus dem Buch, das er zum Geburtstag bekommen hatte. Diese Information behielt er für sich, denn der Gedanke an die Engel schien seiner Mutter Trost zu spenden. Das Rätsel des Todes ließ er auf sich beruhen.
Ein Jahr verging, in dem Timo anfing, lesen, schreiben und rechnen zu lernen und sich öfter mit seinem großen Bruder stritt. Der Osterhase kam und ging, die Zahnfee kam und ging, der Nikolaus kam und ging. Der erste Schnee fiel in dicken Flocken und das Thermometer fiel unaufhaltsam. Zu dieser Zeit wurde eine fremde, magere Katze vermehrt im Garten gesichtet. Der Familienkater Miro verscheuchte sie nicht, was seltsam war, weil er sein Territorium für gewöhnlich eisern verteidigte. Sie hinterließ ihre Spuren im Schnee und suchte Schutz unter dem Gartenschuppen. Bald wurde klar, dass die fremde Katze nicht mehr wegging. Der Vater holte sie in die warme Stube, der Kater protestierte nicht, ließ sie bereitwillig an seinen Futternapf und sie rollte sich dankbar auf dem Sofa zusammen. Bei den Nachbarn und dem Tierheim wurden Erkundigungen eingeholt, niemand vermisste diese Katze, also wurde sie Mira getauft und herzlich in der Familie willkommen geheißen. Miro zeigte ihr das Haus, brachte ihr die Regeln bei und manchmal legte er sich zu ihr und putzte sie mit seiner rauen Zunge. Schon bald schlummerten sie gemeinsam unter dem Christbaum oder traktierten den Weihnachtsschmuck.
Am dritten Advent betrat sie das Spielzimmer, ging mitten durch die am Boden verstreuten Klemmbausteine, warf sich hin und wälzte sich zur Belustigung der Brüder genüsslich in den Spielsachen. Auf dem Rücken liegend blickte sie Timo an, zwinkerte zweimal mit dem linken Auge und wälzte sich weiter. Timo konnte es nicht glauben. Er musste es sich eingebildet haben, oder es war ein Zufall. Nichtsdestotrotz weckte diese Geste die Erinnerung an seinen Großvater. Timo wünschte sich sehnlichst, dass Großvater jetzt hier wäre, um mit ihm zu spielen. Er wurde traurig, aber gleichzeitig war es auch schön, an ihn zu denken. Timo baute verträumt an seinem Dinosaurier-Raumschiff weiter und es war beinahe so, als wäre Neni bei ihm.
Als Timo schon beinahe eingeschlafen war, sprang Mira auf das Bett und schmiegte sich an ihn. Sie zwinkerte zweimal mit dem linken Auge und begann zu schnurren. Oder hatte er links und rechts verwechselt? Nein, rechts war da, wo Timo ein Muttermal auf dem Unterarm hatte, und wenn die Katze ihm gegenüber war, war sein rechts ihr links. Diesmal hatte er es sich bestimmt nicht eingebildet. Er war ganz sicher, dass Großvater gekommen war, um nach ihm zu sehen. Timos Blick wurde trüb. Er legte seinen Kopf auf den Rücken der Katze, ganz sanft, um ihr nicht wehzutun. Als die Tränen getrocknet waren, erzählte Timo alles, was Neni im letzten Jahr verpasst hatte. Stolz berichtete er, dass er schon zur Schule ging und ganz gut im Rechnen war. Grinsend berichtete er, wie sein Bruder von der Schaukel gefallen war. Traurig berichtete er, wie sehr sie ihren Großvater vermisst hatten.
Timo fragte seinen Großvater, wo er so lange gewesen war, wie er seine Familie wiedergefunden hatte, und wie es gewesen war, zu sterben. Er hatte so viele Fragen. Die Katze zwinkerte zweimal und gab keine Antwort. Vielleicht war das auch besser so, dachte sich Timo und schlief so gut wie schon lange nicht mehr. Dass Großvater gekommen war, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern, war das beste Geschenk, dass Timo sich vorstellen konnte. Am nächsten Morgen wollte Timo seiner Familie erzählen, dass Neni zurück war, entschied sich jedoch dafür, das Geheimnis zu bewahren.
Nach zwei frohen Jahren wurde Mira schnell schwächer. Sie schlief viel, ass wenig und konnte nicht mehr alleine auf das Sofa springen. Der Tierarzt wusste keinen Rat, außer dass man es ihr so bequem wie möglich machen sollte. Eines Morgens wurde Timo vom Gejammer des Katers geweckt. Miro führte ihn zu Mira, die friedlich zusammengerollt unter der Eckbank in der Küche lag. Weder Miro noch Timo noch sonst irgendwer konnte sie aufwecken. Sie wurde im Garten bei den Himbeeren begraben. Für Timo war es ein doppelter Abschied; von einem geliebten Haustier und ein erneuter Abschied von seinem Neni. Er war traurig, aber nicht so traurig wie seine Familie, denn Timo wusste, dass es kein Abschied für immer war, und jeder zusätzliche Tag mit seinem Großvater war ein Segen gewesen.
Die Jahre vergingen, die Zahnfee kam nicht mehr, der Osterhase kam nicht mehr, das Christkind brachte Socken und Rasierwasser anstelle von Spielsachen. Einmal meinte Timo, im Gesicht eines Fremden in der Menge am Bahnhof ein doppeltes Zwinkern zu erkennen, doch dann war der Fremde schon wieder verschwunden. Am zwanzigsten Todestag des Großvaters besuchte Timo mit seinem Bruder und seinen Eltern den städtischen Friedhof. Sie genossen den Spaziergang im herbstlichen Föhn und versammelten sich am Grab. Beim Rascheln des gefallenen Laubes dachte sich Timo, dass die Gewissheit, dass irgendwann wieder der Frühling kam, den Herbst umso schöner machte. Eine Krähe setzte sich auf die Kastanie über Großvaters Grabstein und zwinkerte Timo zweimal mit dem linken Auge zu. Timo versuchte, die Geste zu erwidern, doch immer noch schlossen sich dabei beide Augen. Der Vogel krächzte und flog davon. Timo lachte laut auf.
„Warum lachst du?“, fragte seine Mutter, die das Lachen an diesem Moment an diesem Ort unangebracht fand.
„Ach, ich habe nur gerade an Neni gedacht.“
„Weißt du, Timo, wenn du so verschmitzt lächelst, siehst du so aus wie er.“ Nun musste auch sie lachen.