Ich koche schon lange, und sogar ziemlich gut. Risotto, Lasagne, Tomatensauce, Capuns, Gulasch, Chili, Rahmschnitzel, Carbonara, Gerstensuppe, Cordon bleu, Totenbeinli und so weiter, und alles gelang auf Anhieb. Das Einzige, was nicht so richtig gelingen wollte, war Brot. Ausgerechnet das älteste und banalste Nahrungsmittel hat mich verhöhnt. Essbar war es zwar immer, doch so richtig gut war es nicht. Fade, nicht knusprig genug, nicht luftig genug – irgendwas war immer. Ich habe verschiedene Mehlmischungen ausprobiert, Youtube-Videos geschaut, viele Rezepte gelesen, Trockenhefe durch frische Hefe ersetzt, habe sogar so einen dämlichen Backtopf gekauft – alles ohne nennenswerte Verbesserung. Projekt aufgegeben, Brot wieder beim Beck gekauft, irgendwann erneut versucht, wieder versagt.
Irgendwann kam ein Nachbar mit einem Tipp vorbei: Teig drei Tage lang zugedeckt im Kühlschrank ruhen lassen. Täglich herausnehmen, ziehen und überschlagen (nicht kneten!). Und siehe da: Es funktioniert. Das Brot geht wunderbar auf.
Das funktioniert mit jeder Mehlmischung, die ich bisher probiert habe. Zum Beispiel 200g Weissmehl, 200g Ruchmehl und 100g Dinkelmehl. Manchmal noch mit Roggenmehl, manchmal ohne Weissmehl, wird immer gut. Ich benutze ein Bütali (7g) Trockenhefe für 500g Mehl, etwa 3dl Wasser (der Teig darf ruhig feucht und klebrig sein – besser als zu trocken) und etwa 15g Salz. Etwa 2 Minuten in die Teiggknetmaschine. Der Teig steht zugedeckt etwa drei Stunden bei Zimmertemperatur herum, dann geht es ab in den Kühlschrank. Zum täglichen überschlagen die Hände pflutschnass machen, dann klebt er nicht zu sehr daran (nicht einmehlen, das macht es nur schlimmer). Am dritten oder vierten Tag klatsche ich den Teig auf ein Backpapier. Nicht mehr kneten, nur überschlagen! Es darf ruhig aussehen wie dahingeschissen, dann sieht man wenigstens, dass es selbst gemacht ist. Allfällige Teigreste werden aus der Schüssel gegrübelt und oben drauf geschmiert, das gibt Extra-Knusperfläche. Dann geht es in den 230° C heissen Backofen. Ich benutze die integrierte Dampffunktion, die etwa 1.5dl Wasser automatisch abgibt. Wichtig ist dabei, den Ofen während dem Backvorgang nicht zu öffnen um zu gückseln. Das Brot wird dann 50 Minuten gebacken, lieber etwas zu lange als zu kurz. Nach anderthalb Stunden auf einem Gitter ist es abgekühlt und darf angeschnitten werden. Das Brot nicht heiss anschneiden, es zieht noch nach. In ein Tüachli gewickelt ist es auch am vierten Tag noch gut.
Das mit dem täglichen Überschlagen können Faule oder Vergessliche auch weglassen, allerdings geht das Brot dann nicht ganz so schön auf. Das wichtigste ist die lange Teigruhezeit. Warum habe ich so lange gebraucht, um darauf zu kommen? Und warum konnte mir das jahrelang keiner sagen? Es ist so einfach.
Jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass in der heutigen gestressten Gesellschaft niemand darauf gekommen ist, dass die Geheimzutat Geduld ist. Was mich wurmt, ist, dass ich selbst nicht darauf gekommen bin.