Selbststudium Philosophie – Teil 1

Was ist eigentlich Philosophie? Irgendwas mit dem Leben nach dem Tod, Schwangerschaftsabbruch und endlosen, komplizierten und abstrakten Gedankengängen, so dachte ich früher – und eigentlich stimmt das auch, aber Philosophie ist noch viel mehr als das. Es geht um Moral, Ethik, Politik, Gesellschaft, Metaphysik, Logik, Wahrnehmung, das Leben und noch viel mehr. Spannend ist dabei, dass sie keine eindeutigen Antworten liefert, auch wenn manche Philosophen behaupten, sie hätten mit ihrer Logik einen unumstösslichen Beweis für etwas erbracht. Es gibt nur Ansätze, Meinungen und Denkanstösse, und genau das macht sie so spannend. Jeder kann selbst das herausziehen, was ihm weiterhilft. Das führt dazu, dass man eben nicht auswendig lernt, sondern ständig mitdenkt und auch manches ablehnen darf. Der Begriff Philosophie stammt vom griechischen philosophía, was wörtlich „Liebe zur Weisheit“ bedeutet. Hübsch, oder?

„Wer weiss, dass er nichts weiss, weiss mehr, als der, der nicht weiss, dass er nichts weiss.“

Dieses Sokrates-Zitat war mein einziger Berührungspunkt mit der Philosophie während meiner gesamten Schulzeit, und doch ist es mir geblieben – im Gegensatz zu den Namen der Berge um mich herum oder der italienischen Grammatik. Natürlich ist mir die Philosophie öfter begegnet, nur eben unbewusst. Spätestens als ich etwa um 2020 herum eine Büchersucht entwickelt habe, haben sich mir vielseitige Philosophien präsentiert, nur eben meist in einem hübschen Roman verpackt. Das erste „richtige“ Philosophie-Buch war „The Outsider“ von Colin Wilson. Die in seinem Roman „Der Stein der Weisen“ erwähnten „Werterfahrungen“ bzw. „peak experiences“ haben mich fasziniert. Ich habe das Internet nach diesen Begriffen durchforstet und bin auf nichts gestossen, was mir weiterhalf, also habe ich „The Outsider“ bestellt, verschlungen und kurz darauf erneut verschlungen. Dabei habe ich auch etwas getan, was ich seit der Schulzeit nicht mehr gemacht habe: ein Buch mit Leuchtstift verunstaltet.

Seither habe ich immer wieder Bücher zur Philosophie gelesen, oft willkürlich ausgewählt. Hier möchte ich diese Bücher vorstellen und damit zeigen, wie vielseitig dieses Thema ist und dass jeder Interessierte sich selbst einlesen kann – auch ohne Vorkenntnisse und ohne höhere Bildung.


The Outsider von Colin Wilson

Zugegeben habe ich das Buch für einen Roman gehalten, als ich es bestellt hatte. Der Einstieg war schwer, zumal mir viele Fachbegriffe fremd waren und ich das Buch auf Englisch gelesen habe. Der Autor war kein studierter Philosoph, weshalb sich die Komplexität in Grenzen hielt. Erst später lernte ich, wie kompliziert ein richtiger Philosophie-Aufsatz sein kann. Eine deutsche Übersetzung hat es wohl in den Sechzigerjahren einmal gegeben, diese konnte ich jedoch nicht auftreiben. Falls Sie ein Verleger sind, bitte machen Sie dieses Werk der deutschsprachigen Leserschaft wieder zugänglich.

Anhand von Beispielen aus literarischen Werken und deren Erschaffern führt Wilson den Existenzialismus weiter. Dieser beschäftigt sich nicht mit dem Warum des Lebens, dem Vorher oder Nachher, sondern mit der Frage, wie wir unser Leben leben sollen, beziehungsweise wie man selbst darauf kommen kann. Das Buch ist voll mit Auszügen aus Werken von Dostojewskij, Sartre, Kafka, Hesse und vielen anderen, die meine Bücherwunschliste erheblich haben wachsen lassen. Wilson setzt sich mit einem Typ Mensch auseinander, der sich der Absurdität des Lebens und seines Umfeldes bewusst ist und daran scheitert, Zugang dazu zu finden. Verschiedene Typen des „Aussenseiters“ werden behandelt und analysiert, warum diesen Romanfiguren und Künstlern es nicht gelingt, sich über längere Zeit normal zu fühlen.

Colin Wilson veröffentlichte dieses Buch 1956, als er erst 24 Jahre alt war. Ohne höhere Bildung hat er sich quasi über Nacht zum namhaften Philosophen gemacht. Er hat mir gezeigt, dass die Philosophie sich mit dem wahren Leben beschäftigen kann. Es hat auch eine psychologische und eine spirituelle Note. Die oben genannten „Werterfahrungen“ sind Momente, in denen wir unseren antrainierten Automatismus verlassen, und uns der wahren Situation bewusst sind. Ist es nicht wunderbar, wie das Sonnenlicht zwischen den Ästen hindurchscheint? In diesen leider viel zu kurzen Momenten ist alles in Ordnung.

Eine klare Empfehlung, setzt allerdings gute Englischkenntnisse voraus. Die vielen Romanauszüge machen es abwechslungsreich und kurzweilig.