„Die Phantasie ist grenzenlos!“
„Dann denk dir eine neue Farbe aus!“
Farben sind unterschiedliche Lichtfrequenzen bzw. Wellenlängen elektromagnetischer Strahlung, die von Auge und Gehirn unterschiedlich wahrgenommen werden. Nur mit der Phantasie alleine lässt sich wohl keine neue Farbe entdecken, und selbst wenn – wie würde man diese neue Farbe beschreiben, jemandem verständlich machen? Unsere Sprache bedient sich Begriffen, Dingen und Konzepten, die wir gemeinsam haben, oder die uns umgeben. Versuchen Sie doch einmal, einer Person, die von Geburt an blind ist, die Farbe blau zu beschreiben, ohne Objekte aufzuzählen, die blau sind. Sie müssten zur Erklärung auf Eindrücke anderer Sinne ausweichen, die die selben Eindrücke wie das Ansehen der Farbe blau auslösen (z.B. blau ist still, blau ist kühl, blau ist traurig). Daraus entstehen subjektive Assoziationen, jedoch keine objektiven Beschreibungen. Es besteht wenig Aussicht darauf, jemandem eine neue Farbe zu beschreiben – wer würde einem also glauben, wenn man behauptete, eine neue Farbe erdacht zu haben?
Nur ein sehr schmaler Bereich des gesamten Wellenspektrums lässt sich durch den Menschen erkennen und unterscheiden, der Rest bleibt unsichtbar. Einige Tiere, hauptsächlich Vögel und Reptilien, können ein breiteres Farbspektrum wahrnehmen, insbesondere im ultravioletten Bereich. Um diese Wellenlängen mit technischen Hilfsmitteln sichtbar zu machen, müssen wir zuerst wissen, dass da überhaupt etwas ist. Dadurch sehen wir jedoch keine neuen Farben, sondern konvertieren eine unsichtbare in eine uns bekannte, sichtbare Farbe. So verhält es sich mit allen technischen Hilfsmitteln, die die Wahrnehmung erweitern: Das Mikroskop lässt uns nicht direkt die kleinsten Teilchen beobachten – es verändert das Bild so, damit Menschen es sehen und verarbeiten können, das ist jedoch nicht dasselbe, wie etwas direkt wahrzunehmen.
Das hier aufgezeigte Beispiel der Farbwahrnehmung steht stellvertretend für alle Sinne, die ebenso beschränkt sind. Es wäre anmassend, zu behaupten, die Welt bestünde alleine aus den Farben, Geräuschen, Gerüchen, Texturen und so weiter, die unsere biologische Maschine wahrnehmen kann.
Menschen können bei Weitem nicht behaupten, alles zu erkennen, was um sie herum ist. In unserem Leben werden wir wahrscheinlich keine „neue Farbe“ sehen – aber zukünftige Generationen werden vielleicht mehr sehen, darüber hinaus sehen, sehen was dazwischen ist oder sogar was sich dahinter versteckt, sei es nun durch Schärfung unserer Sinne oder biologische Evolution. Vielleicht zeigt uns eines Tages etwas, dass da noch mehr ist, dass wir über die dazu notwendigen Sinne längst verfügen, dass wir nur richtig hinsehen müssen.
Jeder Mensch nimmt Farben anders wahr, sowohl aufgrund unterschiedlicher Beschaffenheit der Augen als auch durch unterschiedliche Reizverarbeitung im Gehirn. Vielleicht gibt es diese „neuen Farben“ bereits, sie sind verborgen in unseren Mitmenschen, und wir müssen nur lernen, besser zuzuhören, uns in sie hineinzufühlen.