Die Blumen blühen, das Wetter wird wärmer und mit den kälteempfindlichen Menschen, die sich wieder an die frische Luft wagen, kriechen auch die Betrüger wieder aus ihren Höhlen. Vermehrt wird man in der Stadt von Fremden angesprochen, die etwas von einem wollen. (Vielleicht ziehe ich solche Leute an, weil ich besonders nett wirke – oder besonders naiv.) Sie tischen Geschichten auf, die meist Mitleid erregen sollen, berufen sich auf den Glauben, den Gruppenzwang, Unsicherheit und Angst. Selten wird man direkt nach Geld gefragt, das kommt erst nach der Geschichte. Jene, die direkt nach Geld fragen, sind wahrscheinlich eher die ehrlichen Bettler – überprüfen kann ich das nicht. Vielleicht ist der Sohn des Mannes, der mir ungefragt eine Rose in die Hände gedrückt hat, wirklich schwer krank; die Tatsache, dass er die bescheidene Spende von einem Zweifränkler abgelehnt, die Rose aus meiner Armbeuge gezogen und wortlos von dannen gegangen ist, erzählt jedoch eine andere Geschichte.
Ich habe keine Vorstellung davon, wie viel Geld durch solche Betrügereien verdient wird, aber es muss sich lohnen. Der wahre Schaden ist meiner Meinung nach nicht der finanzielle, sondern der, dass wir misstrauisch und reserviert werden. Von einem Fremden angesprochen zu werden lässt die Alarmglocken läuten, lässt uns in die Defensive gehen, um nicht verarscht zu werden. Derweil gibt es unzählige Menschen, die in einer echten Notsituation sind und unsere Hilfe und Aufmerksamkeit verdienen. Lieber auf Nummer sicher gehen und kopfschüttelnd weitergehen oder die Scham und Unsicherheit auf sich nehmen, einem möglichen Betrüger aufgesessen zu sein?
Aus moralischer Sicht «gewinnt» man, wenn man allen etwas gibt, sofern man kann. Einem Betrüger Geld gegeben zu haben, macht einem selbst zu jemandem, der über solchen Kleinigkeiten steht, während es den Betrüger zu einem Dieb macht, der der Gier verfallen ist. Natürlich könnte man auch darüber fluchen oder sich schämen, aber was nützt das?
Eigentlich sollte der Text hier zu Ende sein, aber mein Gehirn hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass es wohl eine nicht unbeträchtliche Anzahl Menschen gibt, die gerne ihr Portemonnaie erleichtern, um ihr eigenes Gewissen zu erleichtern. Ob der Spendenempfänger aufrichtig ist oder nicht, spielt keine Rolle, denn wer glauben will, etwas Gutes zu tun, der hinterfragt nicht. Der Beweis hierfür sind die grossen «gemeinnützigen» bzw. «Non-Profit» Organisationen, die legal Spenden sammeln, um die Natur zu schützen, hungernde Kinder zu ernähren oder die Menschenrechte zu wahren. Viele Spender möchten nicht wissen, wie viel von ihrem Geld an die Führungsebene geht oder was schlussendlich wirklich damit erreicht wird. Sie möchten ihr Gewissen erleichtern, den mit einer jährlichen Spende an die WWF lassen sich die halbjährlichen Ferien in Indien oder Costa Rica viel besser geniessen. Ein moderner Ablassbrief, sozusagen.