{"id":35,"date":"2026-04-10T18:35:50","date_gmt":"2026-04-10T18:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/meingehirn.ch\/?p=35"},"modified":"2026-04-11T08:59:12","modified_gmt":"2026-04-11T08:59:12","slug":"der-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meingehirn.ch\/index.php\/2026\/04\/10\/der-bunker\/","title":{"rendered":"Der Bunker"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine Kurzgeschichte, die ich f\u00fcr Halloween 2023 geschrieben habe. Inspiriert von Urban-Explorer-Youtube-Videos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Julian Sol\u00e8r<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Abendessen mit der Familie setzte ich mich an meinen Computer, legte die Beine hoch und war gerade rechtzeitig bereit, um meinen Lieblingslivestream anzuschauen. \u201eHallo ich bin Rob, ein Urban Explorer, und mit meinen Freunden erkunde ich die faszinierendsten verlassenen Orte weltweit!\u201c, k\u00fcndete der junge Mann auf meinem Bildschirm an. Er stand in der Abendd\u00e4mmerung im Wald vor einem massiven Bunkereingang aus Stahlbeton. Die Details waren im sp\u00e4rlichen Licht seiner Kamera schlecht zu erkennen. In diesem Moment war er alleine in Osteuropa, um sich in einen verlassenen Bunker zu schleichen und alles zu filmen, um es der Welt zu zeigen. Er erz\u00e4hlte von seiner beschwerlichen Anreise, davon, wie sein Gef\u00e4hrte nicht kommen konnte und was er im Inneren zu sehen hoffte. Ger\u00fcchten zufolge wurde am Ende des zweiten Weltkrieges ein Teil des Bunkerkomplexes versiegelt, um einen biologischen oder chemischen Stoff einzusperren \u2013 und mit ihm drei Dutzend Soldaten. Seitdem soll es in dem Bunker spuken. Die Anwohner sprachen von merkw\u00fcrdigen Ger\u00e4uschen. \u201eAlles nur Geschichten\u201c, sagte Rob. \u201eIch mache das hier schon seit acht Jahren und habe noch nie einen Geist oder etwas Derartiges gesehen.\u201c Der Eingang war verschweisst, doch der erfahrene Entdecker fand schnell einen Zugang in Form eines schmalen Schachtes. Ich \u00f6ffnete mir ein Bier und sah gespannt zu wie er sich frohen Mutes hinunterquetschte. Unten angekommen zeigte er uns kahle Betonw\u00e4nde, alte Schilder, dicke Panzert\u00fcren, die phosphoreszierenden Leitlinien an den W\u00e4nden und zur\u00fcckgelassene Gegenst\u00e4nde aller Art, teilweise verrostet und teilweise erstaunlich gut erhalten. In diesem Moment sah ich hinter ihm etwas durch das Bild huschen, doch es ging zu schnell und es war zu d\u00fcster, um es zu erkennen. Ich machte Rob im Chat darauf aufmerksam, doch glaube ich nicht, dass er sich die Zeit nahm, die Nachricht zu lesen. Ich sagte mir, dass sich gerne einmal V\u00f6gel, Ratten oder Flederm\u00e4use an solche Orte verirrten, und vergass den Vorfall, wieder w\u00e4hrend ich das alte Bauwerk bestaunte. Das Fehlen von Graffiti unterst\u00fctzte die Vermutung, dass er wahrscheinlich der erste Besucher seit Dekaden war. Rob erkl\u00e4rte den Zuschauern gerade das manuelle Notbel\u00fcftungssystem, als er durch ein lautes Klirren unterbrochen wurde. Es klang wie ein metallener Gegenstand, der auf den Betonboden aufschlug. Rob hielt erschrocken inne, gewann seine Fassung aber gleich wieder zur\u00fcck. \u201eWahrscheinlich ist nur etwas auseinandergefallen. Oder irgendwelche Tiere haben sich verlaufen. Wir werden sehen.\u201c Er bewegte sich vorsichtig den Gang entlang, der Ger\u00e4uschquelle entgegen. Als ich gerade eine T\u00fcte Erdn\u00fcsse \u00f6ffnete, h\u00f6rte ich ein schlurfendes Ger\u00e4usch, gefolgt von einem Kratzen. Beides wurde immer lauter. Der Hobbyentdecker erreichte eine geschlossene T\u00fcr, die mit einem offiziellen Siegel versehen war. An dieser Stelle war das Kratzen am lautesten, zweifellos kratzte etwas \u2013 oder jemand \u2013 an der Innenseite dieser T\u00fcr. Rob vergass seine \u00fcbliche Achtsamkeit, kurbelte die T\u00fcr auf und erbrach das Siegel. Ich klebte vor gespannter Erwartung fast an meinem Bildschirm, auf dem ich nun beobachtete, wie die T\u00fcr aufgezogen wurde. Im selben Moment hatten die Schlurf- und Kratzger\u00e4usche aufgeh\u00f6rt. Mein Blick fiel auf einen weiteren leeren Gang, jedoch diesmal sehr viel staubiger. Ich atmete auf und lehnte mich wieder zur\u00fcck. Im Dreck auf dem Boden waren frische Fussabdr\u00fccke erkennbar; grosse Abdr\u00fccke von Armeestiefeln. Von hier an trafen immer h\u00e4ufiger St\u00f6rungen in der Bild\u00fcbertragung auf, so dass ich teilweise sekundenlang auf ein eingefrorenes Bild starrte. Ich erkannte diverse Laborger\u00e4te: Reagenzgl\u00e4ser mit einem Rest einer Fl\u00fcssigkeit, angelaufene Glaskolben, gesprungene Petrischalen, ein Skalpell und Kanister voller Chemikalien und ein mit getrocknetem Blut bedeckter Operationstisch. Im Video h\u00f6rte man einen lauten Knall und der Beton rieselte von der Decke. Rob fluchte und rannte unter heftigem Schnaufen zur\u00fcck. Die ehemals versiegelte T\u00fcr war zugefallen \u2013 und von aussen verriegelt. Das Fluchen wurde zu einem verzweifelten Schluchzen, als er gegen die T\u00fcr pochte. Dann ert\u00f6nte wieder das Schlurfen und Kratzen. Rob lehnte mit dem R\u00fccken an der verschlossenen Pforte und blickte in Richtung des Labors. Ein Mann in einem dicken dunkelgr\u00fcnen Wollmantel, schweren Stiefeln und Lederg\u00fcrtel hinkte direkt auf Rob zu. Als er n\u00e4her kam, sah ich einen verwesten Sch\u00e4del unter dem Stahlhelm hervorblitzen. Die Augenh\u00f6hlen waren finstere Abgr\u00fcnde, das Fleisch grau und in Lappen von den Wangen h\u00e4ngend, der Unterkiefer fehlte vollst\u00e4ndig. Rob liess seine Kamera fallen und ich wurde Zeuge davon, wie der Soldat seine knochigen Finger in Robs Brustkorb trieb. Entsetzliche Schreie drangen durch den \u00c4ther, w\u00e4hrend die Kreatur sich an Robs Blut labte. Dieses Schreckensbild war nur f\u00fcr einen Augenblick zu sehen, dann brach die \u00dcbertragung vollst\u00e4ndig ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Weile sass ich entsetzt an meinem Schreibtisch. Dann begann ich, um die Echtheit der \u00dcbertragung zu r\u00e4tseln. Es war durchaus m\u00f6glich, dass alles inszeniert worden war. Als ich zu Bett ging, fiel mir ein, dass es nicht machbar war, aus einem Bunker ein kabelloses Signal f\u00fcr diesen Livestream zu senden. Ich l\u00e4chelte \u00fcber meine Torheit und schlief beruhigt ein. Eine Woche sp\u00e4ter las ich in der Zeitung folgenden Bericht:<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Polen sind aus einem alten Bunker schockierende Experimente ans Licht gekommen. Witold Kendziorski, Professor f\u00fcr Geschichte an der Universit\u00e4t Rzesz\u00f3w, berichtet von Projekt Abraham, dessen Zweck es war das menschliche Leben durch chirurgische Eingriffe und konservierende Chemikalien betr\u00e4chtlich zu verl\u00e4ngern. Entdeckten Milit\u00e4rdokumenten zufolge wurden zahllose Soldaten der eigenen Armee zu Experimenten gezwungen, mit dem scheinbaren Ziel, eine Art Supersoldat zu erschaffen. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden vom Weltkrieg \u00fcberschattet und darauf bald vergessen. Das Laboratorium im hintersten Teil des Bunkers wurde 1939 nach einem Zwischenfall versiegelt und der Bunker wurde kurz darauf aufgegeben. Seither ranken sich unheimliche Mythen um den verlassenen Bunker. Anwohner berichteten immer wieder von merkw\u00fcrdigen Ger\u00e4uschen und unheimlichen Erscheinungen, die jedoch bisher als Volkssagen abgewinkt wurden. Aufmerksam wurden die lokalen Beh\u00f6rden durch das Verschwinden eines sogenannten Urban Explorers, ein Erkunder verlassener Bauwerke. Der zweiunddreissigj\u00e4hrige Belgier Robert Kruppen ist in der Nacht vom 31. Oktober in den entsprechenden Bunker eingedrungen und hat sein Abenteuer live im Internet \u00fcbertragen. Die \u00f6rtliche Polizei konnte uns keine Informationen \u00fcber seinen Verbleib geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte, die ich f\u00fcr Halloween 2023 geschrieben habe. 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