{"id":180,"date":"2026-07-11T15:39:45","date_gmt":"2026-07-11T13:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/meingehirn.ch\/?p=180"},"modified":"2026-07-11T15:41:03","modified_gmt":"2026-07-11T13:41:03","slug":"zweimal-zwinkern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meingehirn.ch\/index.php\/2026\/07\/11\/zweimal-zwinkern\/","title":{"rendered":"Zweimal Zwinkern"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Auch diese Geschichte habe ich f\u00fcr einen Wettbewerb geschrieben. Das Thema war &#171;Reinkarnation&#187;. Die Idee war schon seit meiner Kindheit in mir drin, und ich bin froh, sie jetzt aufgeschrieben zu haben. Immerhin meiner Mama hat die Geschichte gefallen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Julian Sol\u00e8r<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Timo war f\u00fcnf Jahre alt, als sein Gro\u00dfvater \u2013 sein Neni \u2013 starb. Er war nicht traurig, verstand nicht, warum seine Mutter so sehr weinte. Es dauerte lange, bis er begriff, dass sein Tod bedeutete, dass Neni nie wieder an verregneten Nachmittagen vorbeikommen w\u00fcrde, um sich ins Spielzimmer zu setzen und mit endloser Geduld mit seinen Enkeln nach dem n\u00e4chsten passenden Klemmbaustein zu suchen. Timo hatte ein besonderes Band zu seinem Gro\u00dfvater. Wenn sich ihre Blicke trafen \u2013 beim Essen, beim Spielen, beim Geschichtenerz\u00e4hlen \u2013, zwinkerte der Gro\u00dfvater ihm zu. Er tat dies nur, wenn sonst niemand hinsah, und immer zwinkerte er zweimal schnell hintereinander mit dem linken Auge und trug dabei ein verschmitztes L\u00e4cheln auf den Lippen. Das war ihr Geheimzeichen. Der kleine Timo versuchte dann, die Geste zu kopieren, schaffte es aber nie, nur mit einem einzelnen Auge zu blinzeln, immer schloss sich auch das rechte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er seinen Neni das letzte Mal sah, lag er auf dem Sofa ausgestreckt. Er konnte fast nicht sprechen, doch ein letztes zweifaches Zwinkern brachte er noch hervor. Man erkl\u00e4rte Timo, der Gro\u00dfvater w\u00e4re krank, doch f\u00fcr den F\u00fcnfj\u00e4hrigen bedeutete krank sein ein paar Tage Ungemach und danach ging das Leben weiter wie zuvor, deshalb konnte er die bedr\u00fcckte Miene seiner Familie nicht nachvollziehen. Eine Woche sp\u00e4ter war der Gro\u00dfvater tot. Erst Jahre sp\u00e4ter hatte Timo das Gewicht dieses letzten Besuches erkannt und die vage Erinnerung, die noch in seinem Ged\u00e4chtnis war, hatte einen Ehrenplatz bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Timo besuchte mit seiner Familie oft das Grab. Es lag auf dem st\u00e4dtischen Friedhof unter einem gro\u00dfen, knorrigen Kastanienbaum. Im Herbst sammelten sie die Kastanien ein, um daraus etwas zu basteln. Umgeben von gelbem Laub erkl\u00e4rte die Mutter Timo, der Gro\u00dfvater sei jetzt im Himmel bei den Engeln. Das konnte er sich nie so richtig vorstellen, denn im Himmel, da waren die Flugzeuge, und weiter oben kam bereits das Weltall, das wusste Timo aus dem Buch, das er zum Geburtstag bekommen hatte. Diese Information behielt er f\u00fcr sich, denn der Gedanke an die Engel schien seiner Mutter Trost zu spenden. Das R\u00e4tsel des Todes lie\u00df er auf sich beruhen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Jahr verging, in dem Timo anfing, lesen, schreiben und rechnen zu lernen und sich \u00f6fter mit seinem gro\u00dfen Bruder stritt. Der Osterhase kam und ging, die Zahnfee kam und ging, der Nikolaus kam und ging. Der erste Schnee fiel in dicken Flocken und das Thermometer fiel unaufhaltsam. Zu dieser Zeit wurde eine fremde, magere Katze vermehrt im Garten gesichtet. Der Familienkater Miro verscheuchte sie nicht, was seltsam war, weil er sein Territorium f\u00fcr gew\u00f6hnlich eisern verteidigte. Sie hinterlie\u00df ihre Spuren im Schnee und suchte Schutz unter dem Gartenschuppen. Bald wurde klar, dass die fremde Katze nicht mehr wegging. Der Vater holte sie in die warme Stube, der Kater protestierte nicht, lie\u00df sie bereitwillig an seinen Futternapf und sie rollte sich dankbar auf dem Sofa zusammen. Bei den Nachbarn und dem Tierheim wurden Erkundigungen eingeholt, niemand vermisste diese Katze, also wurde sie Mira getauft und herzlich in der Familie willkommen gehei\u00dfen. Miro zeigte ihr das Haus, brachte ihr die Regeln bei und manchmal legte er sich zu ihr und putzte sie mit seiner rauen Zunge. Schon bald schlummerten sie gemeinsam unter dem Christbaum oder traktierten den Weihnachtsschmuck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am dritten Advent betrat sie das Spielzimmer, ging mitten durch die am Boden verstreuten Klemmbausteine, warf sich hin und w\u00e4lzte sich zur Belustigung der Br\u00fcder gen\u00fcsslich in den Spielsachen. Auf dem R\u00fccken liegend blickte sie Timo an, zwinkerte zweimal mit dem linken Auge und w\u00e4lzte sich weiter. Timo konnte es nicht glauben. Er musste es sich eingebildet haben, oder es war ein Zufall. Nichtsdestotrotz weckte diese Geste die Erinnerung an seinen Gro\u00dfvater. Timo w\u00fcnschte sich sehnlichst, dass Gro\u00dfvater jetzt hier w\u00e4re, um mit ihm zu spielen. Er wurde traurig, aber gleichzeitig war es auch sch\u00f6n, an ihn zu denken. Timo baute vertr\u00e4umt an seinem Dinosaurier-Raumschiff weiter und es war beinahe so, als w\u00e4re Neni bei ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Timo schon beinahe eingeschlafen war, sprang Mira auf das Bett und schmiegte sich an ihn. Sie zwinkerte zweimal mit dem linken Auge und begann zu schnurren. Oder hatte er links und rechts verwechselt? Nein, rechts war da, wo Timo ein Muttermal auf dem Unterarm hatte, und wenn die Katze ihm gegen\u00fcber war, war sein rechts ihr links. Diesmal hatte er es sich bestimmt nicht eingebildet. Er war ganz sicher, dass Gro\u00dfvater gekommen war, um nach ihm zu sehen. Timos Blick wurde tr\u00fcb. Er legte seinen Kopf auf den R\u00fccken der Katze, ganz sanft, um ihr nicht wehzutun. Als die Tr\u00e4nen getrocknet waren, erz\u00e4hlte Timo alles, was Neni im letzten Jahr verpasst hatte. Stolz berichtete er, dass er schon zur Schule ging und ganz gut im Rechnen war. Grinsend berichtete er, wie sein Bruder von der Schaukel gefallen war. Traurig berichtete er, wie sehr sie ihren Gro\u00dfvater vermisst hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Timo fragte seinen Gro\u00dfvater, wo er so lange gewesen war, wie er seine Familie wiedergefunden hatte, und wie es gewesen war, zu sterben. Er hatte so viele Fragen. Die Katze zwinkerte zweimal und gab keine Antwort. Vielleicht war das auch besser so, dachte sich Timo und schlief so gut wie schon lange nicht mehr. Dass Gro\u00dfvater gekommen war, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern, war das beste Geschenk, dass Timo sich vorstellen konnte. Am n\u00e4chsten Morgen wollte Timo seiner Familie erz\u00e4hlen, dass Neni zur\u00fcck war, entschied sich jedoch daf\u00fcr, das Geheimnis zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach zwei frohen Jahren wurde Mira schnell schw\u00e4cher. Sie schlief viel, ass wenig und konnte nicht mehr alleine auf das Sofa springen. Der Tierarzt wusste keinen Rat, au\u00dfer dass man es ihr so bequem wie m\u00f6glich machen sollte. Eines Morgens wurde Timo vom Gejammer des Katers geweckt. Miro f\u00fchrte ihn zu Mira, die friedlich zusammengerollt unter der Eckbank in der K\u00fcche lag. Weder Miro noch Timo noch sonst irgendwer konnte sie aufwecken. Sie wurde im Garten bei den Himbeeren begraben. F\u00fcr Timo war es ein doppelter Abschied; von einem geliebten Haustier und ein erneuter Abschied von seinem Neni. Er war traurig, aber nicht so traurig wie seine Familie, denn Timo wusste, dass es kein Abschied f\u00fcr immer war, und jeder zus\u00e4tzliche Tag mit seinem Gro\u00dfvater war ein Segen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jahre vergingen, die Zahnfee kam nicht mehr, der Osterhase kam nicht mehr, das Christkind brachte Socken und Rasierwasser anstelle von Spielsachen. Einmal meinte Timo, im Gesicht eines Fremden in der Menge am Bahnhof ein doppeltes Zwinkern zu erkennen, doch dann war der Fremde schon wieder verschwunden. Am zwanzigsten Todestag des Gro\u00dfvaters besuchte Timo mit seinem Bruder und seinen Eltern den st\u00e4dtischen Friedhof. Sie genossen den Spaziergang im herbstlichen F\u00f6hn und versammelten sich am Grab. Beim Rascheln des gefallenen Laubes dachte sich Timo, dass die Gewissheit, dass irgendwann wieder der Fr\u00fchling kam, den Herbst umso sch\u00f6ner machte. Eine Kr\u00e4he setzte sich auf die Kastanie \u00fcber Gro\u00dfvaters Grabstein und zwinkerte Timo zweimal mit dem linken Auge zu. Timo versuchte, die Geste zu erwidern, doch immer noch schlossen sich dabei beide Augen. Der Vogel kr\u00e4chzte und flog davon. Timo lachte laut auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum lachst du?\u201c, fragte seine Mutter, die das Lachen an diesem Moment an diesem Ort unangebracht fand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch, ich habe nur gerade an Neni gedacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWei\u00dft du, Timo, wenn du so verschmitzt l\u00e4chelst, siehst du so aus wie er.\u201c Nun musste auch sie lachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch diese Geschichte habe ich f\u00fcr einen Wettbewerb geschrieben. Das Thema war &#171;Reinkarnation&#187;. Die Idee war schon seit meiner Kindheit in mir drin, und ich bin froh, sie jetzt aufgeschrieben zu haben. 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