{"id":178,"date":"2026-07-11T15:32:07","date_gmt":"2026-07-11T13:32:07","guid":{"rendered":"https:\/\/meingehirn.ch\/?p=178"},"modified":"2026-07-11T15:40:13","modified_gmt":"2026-07-11T13:40:13","slug":"tagebuch-aus-dem-22-jahrhundert-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meingehirn.ch\/index.php\/2026\/07\/11\/tagebuch-aus-dem-22-jahrhundert-leseprobe\/","title":{"rendered":"Tagebuch aus dem 22. Jahrhundert &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dies ist der Anfang meiner Geschichte &#171;Vivaldis Geheimnis&#187;. Den Rest der Geschichte sowie 19 weitere Zukunftsgeschichten anderer Autoren finden Sie in der Anthologie &#171;Tagebuch aus dem 22. Jahrhundert&#187;, ISBN 978-3-8197-6191-1. Sie beinhaltet die besten Geschichten aus dem Wettbewerb 2024 von pierremontagnard.com.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vivaldis Geheimnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Julian Sol\u00e8r<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">29. Mai 2150<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses in Leder gebundene, vergilbte Notizbuch, in das ich schreibe, ist das erste und einzige Buch, das ich jemals sah. B\u00fccher werden schon lange nicht mehr hergestellt, nicht auf der kahlen Erde und schon gar nicht hier auf dem Merkur. Ich habe es auf dem Markt von einem alten Mann im Tausch gegen eine Hand voll Batterien erhalten. Es dauerte mehrere Tage, bis ich auch einen Kugelschreiber fand. Nun liege ich in meiner Koje, lausche dem leisen Brummen der Lebenserhaltungssysteme und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Das Zimmer ist nicht viel gr\u00f6sser als das Bett. Es gibt kein Fenster. Das kalte Grau der W\u00e4nde wird nur an einer Stelle von einem Gem\u00e4lde unterbrochen. Es zeigt eine Berglandschaft auf der Erde, komplett mit Sonne, B\u00e4umen, Bach und allem, was dazugeh\u00f6rt. Meine Mutter malte es und es ist das Einzige, was mir von meinen Eltern noch bleibt. Sie sind vor dreissig Jahren in eine Raumf\u00e4hre gestiegen, haben die \u00fcberbev\u00f6lkerte und ausgebeutete Erde zur\u00fcckgelassen und sind als Arzt und Maschineningenieurin unter den ersten Kolonisten auf dem Merkur gelandet. Sie waren massgeblich am Aufbau der Station Vivaldi beteiligt. Einige Jahre sp\u00e4ter wurde ich geboren \u2013 doch heute bin ich alleine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In sechs Stunden beginnt meine n\u00e4chste Schicht in den Minensch\u00e4chten. Die Arbeit ist trotz modernster Werkzeuge anstrengend und monoton, jedoch geht es uns besser als denen, die auf der Erde geblieben sind, wo die Luft brennt und das Wasser giftig ist \u2013 jedenfalls sagt man mir das immer wieder; ich war noch nie auf der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">30. Mai 2150<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist nach fast drei Monaten, das heisst Erdenmonaten, endlich wieder die Sonne aufgegangen. F\u00fcr einige Stunden ist es jeweils extrem heiss in der Station, bis die atmosph\u00e4rischen Systeme sich dem gewaltigen Temperaturunterschied angepasst haben. Trotzdem erfreuen sich alle des nat\u00fcrlichen Lichts und in den ersten Tagen ist die Stimmung allgemein heiterer. Den ganzen Tag lang wurde im Habitat \u2013 so nennen wir die grosse Freizeitkuppel \u2013 ein Fest gefeiert. Im gleissenden Sonnenlicht wurde zwischen den \u00fcppig gr\u00fcnen Pflanzen des Habitats gespielt, getanzt und getrunken. Nach meiner Schicht in der Mine wusch ich mich unter der Schalldusche und dr\u00e4ngte mich durch die ausgelassene Menge. Ich war keineswegs wegen der Feierlichkeiten hier, daf\u00fcr war ich nicht in Stimmung; ich suchte nach meinem Freund. Jedenfalls ist er die einzige Person, die dieser Bezeichnung einigermassen nahe kommt. Das monotone Brummen der Musik aus den Lautsprechern maltr\u00e4tierte meine Trommelfelle. Warum spielt nie jemand Vivaldi? Schliesslich ist dieser Krater &#8211; und damit die Station &#8211; nach ihm benannt. Die Luft war stickig und warm. Die vielen Leute und die Sonne machten der Atmosph\u00e4renkontrolle schwer zu schaffen. Nach weiteren Minuten voller Ellbogenst\u00f6sse und Begr\u00fcssungsfloskeln fand ich endlich meinen Freund. Er hielt ein Bier in einer Hand, einen Grillspiess in der anderen und stopfte beides abwechselnd in sein rundes Gesicht. Gleichzeitig machte er sich an Anina heran, doch ich wusste bereits, wie das ausgehen w\u00fcrde. Sie sonnt sich jedes Mal in seinen Komplimenten und l\u00e4sst ihn dann stehen. Auch heute musste ich nicht lange warten, bis sie ging. Ich versuchte, ihn zu \u00fcberreden, an einen ruhigen Ort zu kommen, damit ich mit ihm sprechen konnte. Er blieb stur stehen und sagte, er wolle sich die gute Laune nicht durch meine \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c verderben lassen. Auf dem Weg zum Ausgang kaufte ich mir einen Grillspiess und verliess damit den Trubel. Ich setzte mich vor ein Fenster und ass, w\u00e4hrend ich die unwirtliche Oberfl\u00e4che des Merkur betrachtete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich liege jetzt wieder in meiner Koje und m\u00f6chte aufschreiben, wozu ich gestern nicht mehr gekommen bin; meine Entdeckung, den Grund, warum ich dieses Tagebuch schreibe. Vor einigen Wochen lag ich wie jetzt hier in meiner Koje und fummelte an einem Lichtradio herum, das ich aus dem Schrott stibizt hatte. Ich musste nur den Phasenverst\u00e4rker neu kalibrieren und das Ger\u00e4t heulte los. F\u00fcr einige Sekunden h\u00f6rte ich eine ungew\u00f6hnliche Musik, wie ich sie noch nie geh\u00f6rt hatte. Darauf folgte ein Einspieler \u2013 von einer Radiostation auf der Erde! Einige kurze S\u00e4tze des Moderators best\u00e4rkten meine Vermutung, dass dies keine Aufzeichnung war. Dann brach die Sendung abrupt ab und das Radio empfing nur noch die kosmische Hintergrundstrahlung. Abgesehen von der eigenen Sendung der Station Vivaldi konnte ich keinen andere mehr erreichen. Seither probiere ich es jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Erde lebt! Dort leben zufriedene Menschen! Die Verantwortlichen bel\u00fcgen uns! Wir k\u00f6nnten nach Hause fliegen, frische Luft atmen!\u201c So hatte der verr\u00fcckte Jenkins immerzu gesprochen. Niemand hatte ihm Geh\u00f6r geschenkt \u2013 die Geschichte war einfach zu fantastisch, zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Er war schon immer ein Exzentriker gewesen, aber sp\u00e4ter wurde er immer aufdringlicher, und auch irgendwie unheimlich. Die Kolonisten \u2013 und auch ich \u2013 sahen in ihm immer eine Art Dorftrottel. Als er irgendwann verschwand, fragte niemand danach. Er war alt und gebrechlich gewesen. Es wurde allgemein angenommen, seine Zeit sei nun mal gekommen. Niemals h\u00e4tte ich gedacht, dass Jenkins wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Und das wirft auch auf sein Verschwinden ein ganz anderes Licht &#8230; Doch warum sollte man uns bel\u00fcgen? Wer w\u00fcrde davon profitieren, uns hier zu behalten? Dar\u00fcber denke ich oft nach. Ich wollte die Geschichte allen erz\u00e4hlen, aber der alte Jenkins hatte schon gezeigt, dass das nichts n\u00fctzen w\u00fcrde. Nur meinem Freund versuchte ich, die Wahrheit zu sagen, doch wie das ausging, steht ja weiter oben. Ich beschloss, alleine etwas zu unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">14. Juni 2150<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei meiner letzten Eintragung bin ich unterbrochen worden. Jemand hatte pl\u00f6tzlich an die Luke meiner Schlafkoje geklopft. Das passiert sonst nie. Die kleinen R\u00e4ume sind der einzige Ort, der uns alleine geh\u00f6rt. Diese Privatsph\u00e4re wird allgemein respektiert. Wer w\u00fcrde also sp\u00e4t nachts bei mir anklopfen? Ich hatte hastig das Tagebuch unter die Matratze gestopft und eine Hose angezogen. Mit klopfendem Herzen dr\u00fcckte ich auf den Knopf neben der Luke und sie \u00f6ffnete sich mit einem kaum vernehmbaren zischen. Niemand war zu sehen. Ich trat hinaus und sah mich um. Die benachbarten Kojen waren alle geschlossen und der Korridor war still. Die Storen an den Fenstern hielten das meiste Sonnenlicht ab. Mein rechter Fuss ber\u00fchrte etwas und erzeugte ein Kratzger\u00e4usch. Ich b\u00fcckte mich und begutachtete das flache, rechteckige Ding. Es war eine rote Zugangskarte. Jeder Kolonist hat eine Karte. Die einfache Bev\u00f6lkerung, wie auch ich, haben eine gelbe. Damit kann man die meisten T\u00fcren \u00f6ffnen. Die Instandhaltungstechniker und einige Vorgesetzte haben eine blaue Karte. Sie bietet zus\u00e4tzlich Zugang zu den Filteranlagen, dem Kraftwerk, der Hydroponie und weiteren wichtigen Einrichtungen. Aber eine rote Karte haben nur die Verantwortlichen. Sie \u00f6ffnet jede einzelne T\u00fcr auf Vivaldi und bietet Zugang zu jedem Computerterminal. Die Karte sah nagelneu und makellos aus \u2013 nicht wie meine alte zerkratzte und geschundene gelbe Karte. Verbl\u00fcfft stellte ich fest, dass auf der roten der Name des Besitzers fehlte. Er war nicht entfernt worden, es sah eher aus, als sei nie einer da gewesen. Die Schleuse am anderen Ende des Ganges \u00f6ffnete sich und ein sichtlich angetrunkener Mann schlenderte m\u00fcde aber zufrieden mir entgegen. Ich stopfte hastig die Karte in meinen Hosenbund und betrat wieder meine Koje. Ich \u00fcberlegte mir ein neues Versteck, legte Tagebuch und Schl\u00fcsselkarte hinein und dachte dann angestrengt nach. War die Karte eine Warnung, eine Drohung oder tats\u00e4chlich ein Geschenk? In jedem Fall wusste jemand, dass ich etwas wusste. Nach diesem Schock nahm ich mein Tagebuch mehrere Tage nicht mehr hervor. Ich dachte unentwegt dar\u00fcber nach, wer mir die Karte zugespielt haben k\u00f6nnte, doch ich wurde nicht schlauer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist der Anfang meiner Geschichte &#171;Vivaldis Geheimnis&#187;. Den Rest der Geschichte sowie 19 weitere Zukunftsgeschichten anderer Autoren finden Sie in der Anthologie &#171;Tagebuch aus dem 22. Jahrhundert&#187;, ISBN 978-3-8197-6191-1. Sie beinhaltet die besten Geschichten aus dem Wettbewerb 2024 von pierremontagnard.com. Vivaldis Geheimnis von Julian Sol\u00e8r 29. 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