{"id":102,"date":"2026-04-12T10:54:09","date_gmt":"2026-04-12T08:54:09","guid":{"rendered":"https:\/\/meingehirn.ch\/?p=102"},"modified":"2026-04-17T15:09:51","modified_gmt":"2026-04-17T13:09:51","slug":"der-blinde-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meingehirn.ch\/index.php\/2026\/04\/12\/der-blinde-fleck\/","title":{"rendered":"Der blinde Fleck"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine abgelehnte Kurzgeschichte, die ich f\u00fcr einen Schreibwettbewerb geschrieben habe. Die Vorgabe lautete, dass eine Schattenversion eines Tieres aus der Schattenresidenz ausbricht und Unfug anstellt. Ich habe mich f\u00fcr eine Assel entschieden, weil Asseln cool sind. Einige Stunden sp\u00e4ter fand ich mich beim Studium wissenschaftlicher Papiere, weil ich herausfinden wollte, ob Asseln Ger\u00e4usche h\u00f6ren k\u00f6nnen (es ist unklar, ob sie nur die Vibrationen wahrnehmen oder wirklich etwas &#171;h\u00f6ren&#187;).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Julian Sol\u00e8r<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Asseln sind Schattentiere, doch in der Schattenresidenz gibt es eine Assel, die noch lichtloser ist als ihre Artgenossen. Im Kellergeschoss, zwischen Buchdruckmaschine und der eisernen Jungfrau, bei der Rost und Blutflecken nahtlos ineinander \u00fcbergehen, lebt eine Kolonie Kellerasseln. Selbst in der schattigsten Ecke im schattigsten Geschoss des schattigsten Hauses suchen sie noch die Dunkelheit, sodass man sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen kann, wenn eine der Asseln unter den Steinplatten hervorkriecht und sich offenbart. Wer weder auf Gl\u00fcck noch Zufall vertraut kann sich seiner Ungeduld ergeben und eine der Steinplatten anheben. Auf der Unterseite der Platte sieht man Dutzende Kellerasseln umherwuseln \u2013 auf dem freigelegten feuchten St\u00fcck schwarzen Erdbodens tummeln sich viele weitere. Wenn man so weit geht, die aufgescheuchten Tierchen mit einer Lampe noch weiter zu st\u00f6ren, wird man feststellen, dass der Dunkelschein der Schattenassel das Licht vollst\u00e4ndig auskontert. Nur ein Fleck aus schwarzem Nichts deutet ihre Anwesenheit an. Ein Physiker w\u00fcrde anmerken, dass ein Wesen, das niemals vom Licht ber\u00fchrt wird, folglich blind sein m\u00fcsste, doch die Schattenassel k\u00fcmmert sich nicht darum, was irgendein Gelehrter meint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines langweiligen Morgens beschliesst die Schattenassel, auf ein Abenteuer zu gehen. Den Warnungen und Proteste ihrer einhundert Genossen zum Trotz kriecht sie unter der Steinplatte hervor und macht sich auf. Der st\u00e4mmige Lakai nimmt keine Notiz von der fl\u00fcchtigen Assel, denn er hat gerade beinahe seinen zweiten Daumen an die Buchdruckmaschine verloren und gibt seine erlesensten Fluchw\u00f6rter zum Besten. Tiefe Risse in den Bodenplatten \u00fcberwindend und Unrat ausweichend steuert sie auf den Ausgang zu. Sie krabbelt unbeirrt zur Kellert\u00fcr, quetscht sich durch den Spalt zwischen Boden und T\u00fcre in das fahle Tageslicht. Die Sonne, die die Assel im Sommer innert wenigen Minuten austrocknen k\u00f6nnte, erzeugt an diesem Herbstmorgen nichts weiter als eine dr\u00fcckende W\u00e4rme und einen tr\u00fcben Schein in der dunstigen Luft. Die br\u00f6ckelnde Treppe ist schnell \u00fcberwunden. Im Schutze der riesigen alten Birken wird der Garten durchquert, ohne aufzufliegen. Am schmiedeeisernen Gartenzaun g\u00f6nnt sich die Schattenassel eine Verschnaufpause. In tierfreundlicher H\u00f6he h\u00e4ngt ein St\u00fcck Sperrholz, worauf mit roten Pinselstrichen geschrieben steht: \u201eKeine Schattentiere jenseits des Schattenzauns\u201c und darunter \u201eMacht keinen Unfug!\u201c. Sie fragt sich, was sie als kleiner Isopode denn schon anstellen k\u00f6nnte. Sie beschliesst, es herauszufinden, und \u00fcberquert die Grundst\u00fccksgrenze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch nie war die Schattenassel hier draussen. Sie gibt sich den neuartigen Eindr\u00fccken hin; sie nippt an einem Tautropfen, probiert von der lehmigen Erde (Birkenlaub, ein Hauch Lavendel und Autoreifenabrieb) und beobachtet interessiert eine M\u00fccke, die sich in einem Spinnennetz zwischen den Brombeerstr\u00e4uchern windet. Gelegentlich wogen die Bl\u00e4tter, wenn riesige Blechb\u00fcchsen vorbei rauschen. Eine davon h\u00e4lt an \u2013 ein flaches Modell in gl\u00e4nzendem Purpur \u2013, ein Mensch steigt aus. Er stampft einige Schritte in die B\u00fcsche und bleibt stehen. Die Assel nutzt die Gelegenheit, um die blendend weissen Dinger aus Gummi an den Menschenf\u00fcssen zu inspizieren. Sie sind unertr\u00e4glich sauber, sodass es f\u00fcr die Assel \u00fcberhaupt nichts zu knabbern gibt; kein Staub, keine Erde, keine organischen Spuren jedweder Art. Entt\u00e4uscht klettert die Assel weiter empor. Sie \u00fcberwindet einen schmalen Streifen Baumwolle, der ebenso steril ist und wagt sich schliesslich in den Wald aus dunkelbraunem Haar, immer weiter hoch. Pl\u00f6tzlich erzittert das Bein. Eine fleischige Pranke schl\u00e4gt mehrmals herab, immer schneller und immer heftiger auf den Fleck purer Dunkelheit, der die Haut kitzelt. Die Assel zieht sich zur\u00fcck in Richtung Erdboden, w\u00e4hrend heisse Ammoniaktropfen herniederregnen. Mutig klammert sie sich an die R\u00fcckseite des Baumwollstreifens. Der Mensch bebt und flucht eine Weile, bis er wieder in sein purpurnes Metallgef\u00e4hrt steigt, ohne den blinden Passagier zu bemerken. Die Metallb\u00fcchse heult auf. Der Assel f\u00e4llt es mit ihren vierzehn Beinen nicht schwer, der Beschleunigung standzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schattenassel windet sich durch mehrere Schichten besprenkelter Baumwoll- und Synthetikfasern und landet auf weissen Bodenfliesen. Mit den feuchtkalten Steinplatten aus dem Kellerloch der Schattenresidenz haben diese nichts gemein; sie sind warm, glatt und hell. Hungrig und durstig durch die lange Reise erkundet sie die neue Umgebung. Auch hier gibt es nichts zu knabbern, nicht die geringste Spur einer Pflanzenfaser. Hinter einer Glaswand ert\u00f6nt das Tosen eines Wasserfalls, der Mensch pfeift etwas, was eine Melodie sein k\u00f6nnte. Die Assel krabbelt vom Waschbecken zur Toilette zum M\u00fclleimer, schnuppert an Fugen, Teppich und T\u00fcrschwelle. Alles ist neu und reizvoll, doch viel zu hell und zu steril f\u00fcr den Geschmack eines Schattentiers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Raum mit hellblauem Linoleum entdeckt sie eine Chromstahlschale mit verlockend k\u00fchlem Wasser. Ein Mensch werkelt eilig an unz\u00e4hligen T\u00f6pfen, Pfannen, Tellern und Sch\u00e4lchen herum, dabei rennt er mal hier hin, mal dort hin und hat kein Auge f\u00fcr den Eindringling. Es brutzelt, klimpert, rauscht und poltert. Das frische Wasser belebt die Isopodensinne, schon st\u00fcrzt die Assel sich ganz hinein und befeuchtet ihre Kiemen. Es ist ihr eine Wonne, endlich wieder durch die Kiemen zu atmen und nicht mehr auf die unzureichenden Tracheen angewiesen zu sein. Leider dauert der Badespass nicht an; er wird von aufgeregtem Bellen unterbrochen, das aus einer langen Schnauze mit riesiger feuchter Nase dringt. Die Schattenassel geht in ihrer Weisheit dem Streit aus dem Weg, sie kriecht die Wand hoch und versteckt sich in einem kleinen Spalt. Das grosse Tier bellt eindringlich den K\u00fchlschrank an. Der Mensch unterbricht sein Werkeln und tadelt das Haustier wegen des L\u00e4rms. Er scheint gestresst zu sein, denn das Geschimpfe f\u00e4llt besonders heftig aus. Frustriert \u00fcber das Unverst\u00e4ndnis zieht sich der Hund in den Flur zur\u00fcck, legt den Kopf auf die Pfoten und l\u00e4sst dabei das Versteck des St\u00f6renfrieds nicht aus den Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Assel krabbelt hoch bis an den Plafond, um sich dem Sichtfeld des Beobachters vollst\u00e4ndig zu entziehen. Dieser gibt Alarm und wird daf\u00fcr unter erneutem Schimpf herausgeleitet und in ein Zimmer gesperrt. Das Tierchen an der Decke nutzt die Gelegenheit, um die Auslage auf dem Tisch und dem Herd zu inspizieren: Auf einer Platte steht ein Gebilde aus Kuchen und Sahne, in der Pfanne blubbert ein gelber Brei, aus dem Ofen dringt w\u00fcrziger Fleischgeruch und in einer Glassch\u00fcssel befindet sich ein herrliches Gemisch aus Jungspinat, Endiviensalat, Radieschen, Fr\u00fchlingszwiebeln, Tomaten &#8230; Erregt l\u00e4sst sich die Assel fallen, saust durch die Luft, landet weich im Gr\u00fcnzeug und schl\u00e4gt ihre Mandibeln gierig in alles. Die saftigen kleinen Tomaten schmecken ihr besonders gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch dieses Vergn\u00fcgen bleibt der Schattenassel nicht lange verg\u00f6nnt; trommelfellzerfetzendes Gekreische unterbricht das Festessen. Der K\u00fcchenmensch ist zur\u00fcckgekehrt und entsetzt sich \u00fcber den schwarzen Fleck in der Salatsch\u00fcssel. Erschrocken aber froh, dass sie keine Trommelfelle hat, flieht die Assel vom Tatort. Der Mensch, der offenbar die Zirkulationsatmung beherrscht, kreischt ununterbrochen, w\u00e4hrend er mit einem gl\u00e4nzenden Kochl\u00f6ffel ausholt, vor Ekel z\u00f6gert, ihn wieder senkt, um erneut auszuholen. Wut besiegt schliesslich Widerwille, sodass die Assel im Zickzack den krachenden Schl\u00e4gen ausweicht. Geschirr scheppert, der Tisch wackelt bedenklich, der Salat verteilt sich \u00fcber die Schwarzw\u00e4lder Torte. Der andere Mensch kommt halbbekleidet aus dem Badezimmer, um zu sehen, was der L\u00e4rm f\u00fcr eine Ursache hat. Das Gekreische endet und geht in eine stammelnde Erkl\u00e4rung \u00fcber. Der Badezimmermensch versucht, den K\u00fcchenmensch zu beruhigen, was der Assel die M\u00f6glichkeit gibt, zu entkommen und sich in einer sicheren Ecke auszuruhen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem bunteren, weniger sterilen Zimmer mit dunkelblauem Teppichboden trifft die Assel auf einen weiteren Menschen, der sich zu ihr herunterlehnt. Dieser ist nur halb so gross wie die anderen Bewohner des Hauses. Seinen Kopf ziert ein \u00fcppiger, blonder Haarwuchs. Die Assel macht sich auf einen erneuten Angriff gefasst, spannt ihren K\u00f6rper an, um dem kommenden Geschrei zu trotzen. Sie hat M\u00fche, sich durch den Teppich zu bewegen, m\u00f6chte schnell weg von hier, doch der kleine Mensch mustert den dunklen Fleck nur mit kindlicher Neugier. Die sieben Beinpaare kitzeln die freundliche Hand, der kleine Mensch kichert vergn\u00fcgt und brabbelt etwas, was die Assel nicht versteht. W\u00e4hrend das Tierchen einige Runden um das Handgelenk dreht, nippt es an Schweiss und Hautschuppen, das M\u00e4dchen zuckt, gackert, h\u00e4lt den Arm bem\u00fcht ruhig von sich gestreckt. Ein Ruf aus der K\u00fcche unterbricht das Spiel. Der Arm setzt die Assel in einem Blumentopf auf dem Schreibtisch ab. Der nette kleine Mensch verl\u00e4sst das Zimmer und \u00fcberlasst das Tierchen der Obhut einer Orchidee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr Senf hat sich in Schale geworfen und f\u00fchrt seine Gattin die Eingangstreppe hoch. Er keine Lust, bei den Briskets zu speisen, aber die Aussicht auf einen lukrativen Vertrag hat ihn dazu veranlasst, der Einladung zu folgen. Vielleicht wird es ja doch ganz nett, denkt er sich, und klingelt an der T\u00fcr. Nach h\u00f6flichen Begr\u00fcssungsfloskeln und fadenscheinigen Komplimenten beiderseits sowie einem grossz\u00fcgigen Muntermacher im Wohnzimmer setzten sich alle f\u00fcnf Personen an den weiss gedeckten K\u00fcchentisch. Der Salat schmecke ausgezeichnet, bemerkt Frau Senf. Darauf l\u00e4chelt die Gastgeberin verlegen, w\u00e4hrend sie in ihrem eigenen Teller gedankenverloren herumstochert. Nachdem das Gespr\u00e4chsthema sich langsam von Weltgeschehen \u00fcber Sport zu Wirtschaftslage verschoben hat, richtet sie den Hauptgang an. Gelangweilt von den Erwachsenengespr\u00e4chen erz\u00e4hlt die Tochter von ihrer Begegnung mit der Assel, findet aber keine Beachtung, woraufhin sie es dem Hund mitteilt. Bei Senfbraten und Safranrisotto macht Herr Brisket eine geistreiche Bemerkung dar\u00fcber, wie das Gericht die harmonische Zusammenarbeit von \u201aSenf\u2018 und \u201aBrisket\u2018 demonstriert. Herr und Frau Senf k\u00f6nnen dar\u00fcber nicht lachen, aber das Essen schmeckt ausgezeichnet. Kaffee wird aufgebr\u00fcht, eine Flasche Cognac angebrochen und die Torte angeschnitten. Alle anf\u00e4nglichen Bedenken sind vergessen und die Herren freuen sich, endlich zum Gesch\u00e4ftlichen zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich verstummt der Gastgeber mitten in seiner Argumentation, die er seit Wochen einstudiert hat. Mit einem Glas Cognac in der Hand starrt er mit aufgerissenen Augen \u00fcber Herr Senfs Schulter. Dort, auf der weissen Wand, direkt oberhalb der Anrichte, ist ein kleiner pechschwarzer Fleck. Hat er sich gerade bewegt? Jetzt, bei genauerer Betrachtung, identifiziert er ihn als Loch. Schweiss tritt ihm auf die Stirn beim Versuch, durch das Loch hindurchzusehen, doch darin liegt nur ein endloses Nichts. Heute Morgen beim Austreten hat er etwas \u00c4hnliches auf seinem Bein gesehen und hat sich deswegen vollgepinkelt. Ob es ihn wohl verfolgt? Nein, das ist unm\u00f6glich, sagt er sich, und dass seine Augen ihm einen Streich spielen. Er ist nur \u00fcberarbeitet. Ein Loch kann sich nicht bewegen und ihn erst recht nicht verfolgen. Stammelnd versucht er, seinen Monolog \u00fcber die vielgestaltigen Vorteile einer gesch\u00e4ftlichen Kooperation wieder aufzunehmen, kann seine Augen jedoch nicht vom Fleck l\u00f6sen, er zieht in an, er ruft ihn zu sich. Es ist wie etwas, das er in seinem Augenwinkel nur fl\u00fcchtig wahrnimmt, er kann es nicht richtig erfassen, und doch kann er nicht wegsehen. Das Innere des Lochs ist viel schw\u00e4rzer als alles, was er je gesehen hat \u2013 beziehungsweise nicht gesehen hat. Jetzt bewegt es sich wieder, langsam gleitet es die Wand hoch. Es wird das Haus zum Einsturz bringen! Panik steigt in ihm auf. Der Cognac fliesst \u00fcber sein Handgelenk. Auch Frau Senf h\u00e4lt pl\u00f6tzlich inne, aber aus einem anderen Grund: Sie hat in ihrer Schwarzw\u00e4lder Torte ein halbes Radieschen gefunden. Sie wundert sich dar\u00fcber, erinnert sich an all die neuen kulinarischen Moden, tunkt es in die Sahne und verspeist es, worauf sie die Gastgeberin f\u00fcr diese progressive Kreation lobt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr Brisket nimmt weder die besorgten Worte seiner Frau noch den \u00c4rger der G\u00e4ste wahr. Langsam steht er auf, geht um den Tisch herum auf das Loch zu ohne den Blick davon abzuwenden. Voller Begeisterung erz\u00e4hlt seine Tochter erneut von ihrer Begegnung mit der netten Assel und st\u00f6sst dabei auf taube Ohren. Der Hund kommt unter dem Tisch hervor und verzieht sich winselnd in eine Ecke. Auch Frau Brisket erkennt, was ihren Mann so verst\u00f6rt, l\u00e4sst sich allerdings nicht so leicht aus der Fassung bringen. Sie versucht die Eingeladenen mit einer Anekdote \u00fcber die Vielseitigkeit von Trinkflaschen abzulenken, ihr Blick springt jedoch immer wieder zum Fleck an der Wand, sodass auch die G\u00e4ste endlich Notiz davon nehmen m\u00fcssen. W\u00e4hrend Herr Senf Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr dieses Interesse an einem gew\u00f6hnlichen Fleck zeigt, wo es doch so viel Wichtiges zu besprechen g\u00e4be, hat seine Gattin sich bereits in der Schw\u00e4rze verloren; sie starrt mit aufgerissenen Augen hinein. Ihre Mine von blankem Entsetzen gezeichnet, reagiert sie nicht mehr auf die Worte, die von ihrem ver\u00e4rgerten Mann auf sie eindringen. Die Gastgeberin versucht die Situation zu \u00fcberspielen, indem sie den G\u00e4sten Cognac nachschenkt und einen erneuten Versuch macht, ihre Anekdote zu erz\u00e4hlen, verwechselt dabei die Ortschaften, doch ihr h\u00f6rt ohnehin niemand zu. Herr Brisket klettert auf die Anrichte in der Jagd auf das sich st\u00e4ndig bewegende Loch. Die halbleere gl\u00e4serne Salatsch\u00fcssel zerspringt auf dem Linoleum, Tomaten und Radieschen kullern dar\u00fcber. F\u00fcr Herrn Senf bringt dies das Fass zum \u00fcberlaufen: Mit einer lautstarken Tirade \u00fcber diese Unversch\u00e4mtheit den G\u00e4sten und potenziellen Gesch\u00e4ftspartnern gegen\u00fcber nimmt er seine Begleiterin an die Hand, die sich gleichg\u00fcltig mitziehen l\u00e4sst, schnappt sich ihre M\u00e4ntel und st\u00fcrmt aus dem Haus. Die pl\u00f6tzliche Stille reisst Herrn Brisket aus seinem Wahn. Verwirrt sieht er sich um und wundert sich dar\u00fcber, dass die Senfs verschwunden sind. Durch die ge\u00f6ffnete Haust\u00fcre weht k\u00fchler Herbstwind. Er steigt von der Anrichte, um sie zu schliessen. Bei seiner R\u00fcckkehr ist der schwarze Fleck unauffindbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck im Orchideentopf wartet die Schattenassel darauf, dass sich der \u00c4rger wieder legt. In der K\u00fcche wird polternd aufger\u00e4umt. Durch die zugezogenen Vorh\u00e4nge scheint blass das Mondlicht. In einem Bett schnarcht der kleine Mensch. Ob die Assel nun schelmisch in sich hineinlacht oder sich des verursachten Ungl\u00fccks gr\u00e4mt, wissen wir nicht, sicher ist jedoch, dass sie gen\u00fcgend Aufregung f\u00fcr einen Tag hatte. Lange liegt sie wach und macht sich Gedanken dar\u00fcber, wie sie wieder nach Hause finden wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor die ersten Sonnenstrahlen in das Heim dringen, schleicht die Assel erneut durch die Korridore. Es ist totenstill. Aus einem Zimmer scheint blaues Licht. Darin sitzt der Herr des Hauses an seinem Schreibtisch. Der Schein des Bildschirms l\u00e4sst sein ausdrucksloses Gesicht wie das eines Ertrunkenen wirken. Vor ihm liegen unz\u00e4hlige Papierb\u00fcndel verstreut. Lange blickt er reglos auf die unermesslichen Zahlenreihen, manchmal tippt er auf einige Tasten oder schreibt mit minimalen Bewegungen mit dem Kugelschreiber etwas auf ein Papier, dann starrt er wieder eine Weile vor sich hin, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Auch als die Schattenassel \u00fcber den Tisch krabbelt, um zu sehen, was es mit den Zahlen auf sich hat, reagiert der Mensch nicht. Die Assel setzt sich auf eine besonders h\u00fcbsche Sieben. Herr Brisket liest den rundlichen schwarzen Fleck auf seinem Dokument als eine Null und ahnt noch nicht, dass dieser Fehler \u2013 zusammen mit dem nicht zustande gekommenen Vertrag von letztem Abend \u2013 der Grund f\u00fcr den Anruf sein wird, der in zwei Wochen seine Entlassung verk\u00fcndet, w\u00e4hrend er gerade Frau Senf in der psychiatrischen Anstalt besucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das purpurne Metallgef\u00e4hrt donnert durch den Nieselregen. Die Assel h\u00e4lt sich mit aller Kraft mit vierzehn m\u00fcden Beinen am Kotfl\u00fcgel fest, um nicht vom Fahrtwind fortgeweht oder von der aufspritzenden Gischt weggesp\u00fclt zu werden. Endlich nimmt sie den vertrauten Lavendelduft wahr, sieht eine heimische Hecke, die Brombeeren und die uralten Birken. Sie l\u00e4sst los, rollt sich fest zusammen, prallt wie ein Gummiball von der Strasse ab und kullert noch weit \u00fcber den nassen Asphalt. Als sie schliesslich zu stehen kommt, muss sie erst ihre schwindelnden Sinne wieder ordnen. Ein anderes Metallgef\u00e4hrt rast dicht an dem Isopoden vorbei \u2013 beinahe h\u00e4tte es ihn \u00fcberfahren \u2013 und schwemmt ihn mit dem Regenwasser in den Rinnstein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand bemerkt die Schattenassel, die die Grenze \u00fcberquert, durch den Garten wandert, die Treppe hinabsteigt, unter dem T\u00fcrspalt hindurch schl\u00fcpft, an dem Buchdrucklakai vorbeischleicht, der gerade versucht herauszufinden, wie er die Maschine ohne seine Daumen effizient bedienen kann, und zur\u00fcck unter die Steinplatte kriecht, wo ihre Artgenossen begierig der Erz\u00e4hlung ihrer Abenteuer harren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sich ein blinder Fleck durch Ihr Sichtfeld bewegt, wenn Sie sich fragen, ob ihre Augen nicht in Ordnung sind, oder ob Sie vielleicht \u00fcberm\u00fcdet sind, oder wenn sich etwas Dunkles in Ihren Augenwinkeln regt, eine Bewegung, die Sie nicht zu erfassen verm\u00f6gen, dann k\u00f6nnte es die Schattenassel sein, die wieder ausgeb\u00fcxt ist und ihren Unfug mit Ihnen treibt. Sehen Sie nicht zu genau hin, versuchen Sie nicht, den Schatten zu durchschauen &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mehr \u00fcber Kellerasseln erfahren Sie <a href=\"https:\/\/meingehirn.ch\/index.php\/2026\/04\/17\/kellerasseln\/\" data-type=\"post\" data-id=\"117\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine abgelehnte Kurzgeschichte, die ich f\u00fcr einen Schreibwettbewerb geschrieben habe. Die Vorgabe lautete, dass eine Schattenversion eines Tieres aus der Schattenresidenz ausbricht und Unfug anstellt. Ich habe mich f\u00fcr eine Assel entschieden, weil Asseln cool sind. 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