Eine abgelehnte Kurzgeschichte, die ich für einen Schreibwettbewerb geschrieben habe. Die Vorgabe lautete, dass eine Schattenversion eines Tieres aus der Schattenresidenz ausbricht und Unfug anstellt. Ich habe mich für eine Assel entschieden, weil Asseln cool sind. Einige Stunden später fand ich mich beim Studium wissenschaftlicher Papiere, weil ich herausfinden wollte, ob Asseln Geräusche hören können (es ist unklar, ob sie nur die Vibrationen wahrnehmen oder wirklich etwas «hören»).
von Julian Solèr
Alle Asseln sind Schattentiere, doch in der Schattenresidenz gibt es eine Assel, die noch lichtloser ist als ihre Artgenossen. Im Kellergeschoss, zwischen Buchdruckmaschine und der eisernen Jungfrau, bei der Rost und Blutflecken nahtlos ineinander übergehen, lebt eine Kolonie Kellerasseln. Selbst in der schattigsten Ecke im schattigsten Geschoss des schattigsten Hauses suchen sie noch die Dunkelheit, sodass man sich glücklich schätzen kann, wenn eine der Asseln unter den Steinplatten hervorkriecht und sich offenbart. Wer weder auf Glück noch Zufall vertraut kann sich seiner Ungeduld ergeben und eine der Steinplatten anheben. Auf der Unterseite der Platte sieht man Dutzende Kellerasseln umherwuseln – auf dem freigelegten feuchten Stück schwarzen Erdbodens tummeln sich viele weitere. Wenn man so weit geht, die aufgescheuchten Tierchen mit einer Lampe noch weiter zu stören, wird man feststellen, dass der Dunkelschein der Schattenassel das Licht vollständig auskontert. Nur ein Fleck aus schwarzem Nichts deutet ihre Anwesenheit an. Ein Physiker würde anmerken, dass ein Wesen, das niemals vom Licht berührt wird, folglich blind sein müsste, doch die Schattenassel kümmert sich nicht darum, was irgendein Gelehrter meint.
Eines langweiligen Morgens beschliesst die Schattenassel, auf ein Abenteuer zu gehen. Den Warnungen und Proteste ihrer einhundert Genossen zum Trotz kriecht sie unter der Steinplatte hervor und macht sich auf. Der stämmige Lakai nimmt keine Notiz von der flüchtigen Assel, denn er hat gerade beinahe seinen zweiten Daumen an die Buchdruckmaschine verloren und gibt seine erlesensten Fluchwörter zum Besten. Tiefe Risse in den Bodenplatten überwindend und Unrat ausweichend steuert sie auf den Ausgang zu. Sie krabbelt unbeirrt zur Kellertür, quetscht sich durch den Spalt zwischen Boden und Türe in das fahle Tageslicht. Die Sonne, die die Assel im Sommer innert wenigen Minuten austrocknen könnte, erzeugt an diesem Herbstmorgen nichts weiter als eine drückende Wärme und einen trüben Schein in der dunstigen Luft. Die bröckelnde Treppe ist schnell überwunden. Im Schutze der riesigen alten Birken wird der Garten durchquert, ohne aufzufliegen. Am schmiedeeisernen Gartenzaun gönnt sich die Schattenassel eine Verschnaufpause. In tierfreundlicher Höhe hängt ein Stück Sperrholz, worauf mit roten Pinselstrichen geschrieben steht: „Keine Schattentiere jenseits des Schattenzauns“ und darunter „Macht keinen Unfug!“. Sie fragt sich, was sie als kleiner Isopode denn schon anstellen könnte. Sie beschliesst, es herauszufinden, und überquert die Grundstücksgrenze.
Noch nie war die Schattenassel hier draussen. Sie gibt sich den neuartigen Eindrücken hin; sie nippt an einem Tautropfen, probiert von der lehmigen Erde (Birkenlaub, ein Hauch Lavendel und Autoreifenabrieb) und beobachtet interessiert eine Mücke, die sich in einem Spinnennetz zwischen den Brombeersträuchern windet. Gelegentlich wogen die Blätter, wenn riesige Blechbüchsen vorbei rauschen. Eine davon hält an – ein flaches Modell in glänzendem Purpur –, ein Mensch steigt aus. Er stampft einige Schritte in die Büsche und bleibt stehen. Die Assel nutzt die Gelegenheit, um die blendend weissen Dinger aus Gummi an den Menschenfüssen zu inspizieren. Sie sind unerträglich sauber, sodass es für die Assel überhaupt nichts zu knabbern gibt; kein Staub, keine Erde, keine organischen Spuren jedweder Art. Enttäuscht klettert die Assel weiter empor. Sie überwindet einen schmalen Streifen Baumwolle, der ebenso steril ist und wagt sich schliesslich in den Wald aus dunkelbraunem Haar, immer weiter hoch. Plötzlich erzittert das Bein. Eine fleischige Pranke schlägt mehrmals herab, immer schneller und immer heftiger auf den Fleck purer Dunkelheit, der die Haut kitzelt. Die Assel zieht sich zurück in Richtung Erdboden, während heisse Ammoniaktropfen herniederregnen. Mutig klammert sie sich an die Rückseite des Baumwollstreifens. Der Mensch bebt und flucht eine Weile, bis er wieder in sein purpurnes Metallgefährt steigt, ohne den blinden Passagier zu bemerken. Die Metallbüchse heult auf. Der Assel fällt es mit ihren vierzehn Beinen nicht schwer, der Beschleunigung standzuhalten.
Die Schattenassel windet sich durch mehrere Schichten besprenkelter Baumwoll- und Synthetikfasern und landet auf weissen Bodenfliesen. Mit den feuchtkalten Steinplatten aus dem Kellerloch der Schattenresidenz haben diese nichts gemein; sie sind warm, glatt und hell. Hungrig und durstig durch die lange Reise erkundet sie die neue Umgebung. Auch hier gibt es nichts zu knabbern, nicht die geringste Spur einer Pflanzenfaser. Hinter einer Glaswand ertönt das Tosen eines Wasserfalls, der Mensch pfeift etwas, was eine Melodie sein könnte. Die Assel krabbelt vom Waschbecken zur Toilette zum Mülleimer, schnuppert an Fugen, Teppich und Türschwelle. Alles ist neu und reizvoll, doch viel zu hell und zu steril für den Geschmack eines Schattentiers.
In einem Raum mit hellblauem Linoleum entdeckt sie eine Chromstahlschale mit verlockend kühlem Wasser. Ein Mensch werkelt eilig an unzähligen Töpfen, Pfannen, Tellern und Schälchen herum, dabei rennt er mal hier hin, mal dort hin und hat kein Auge für den Eindringling. Es brutzelt, klimpert, rauscht und poltert. Das frische Wasser belebt die Isopodensinne, schon stürzt die Assel sich ganz hinein und befeuchtet ihre Kiemen. Es ist ihr eine Wonne, endlich wieder durch die Kiemen zu atmen und nicht mehr auf die unzureichenden Tracheen angewiesen zu sein. Leider dauert der Badespass nicht an; er wird von aufgeregtem Bellen unterbrochen, das aus einer langen Schnauze mit riesiger feuchter Nase dringt. Die Schattenassel geht in ihrer Weisheit dem Streit aus dem Weg, sie kriecht die Wand hoch und versteckt sich in einem kleinen Spalt. Das grosse Tier bellt eindringlich den Kühlschrank an. Der Mensch unterbricht sein Werkeln und tadelt das Haustier wegen des Lärms. Er scheint gestresst zu sein, denn das Geschimpfe fällt besonders heftig aus. Frustriert über das Unverständnis zieht sich der Hund in den Flur zurück, legt den Kopf auf die Pfoten und lässt dabei das Versteck des Störenfrieds nicht aus den Augen.
Die Assel krabbelt hoch bis an den Plafond, um sich dem Sichtfeld des Beobachters vollständig zu entziehen. Dieser gibt Alarm und wird dafür unter erneutem Schimpf herausgeleitet und in ein Zimmer gesperrt. Das Tierchen an der Decke nutzt die Gelegenheit, um die Auslage auf dem Tisch und dem Herd zu inspizieren: Auf einer Platte steht ein Gebilde aus Kuchen und Sahne, in der Pfanne blubbert ein gelber Brei, aus dem Ofen dringt würziger Fleischgeruch und in einer Glasschüssel befindet sich ein herrliches Gemisch aus Jungspinat, Endiviensalat, Radieschen, Frühlingszwiebeln, Tomaten … Erregt lässt sich die Assel fallen, saust durch die Luft, landet weich im Grünzeug und schlägt ihre Mandibeln gierig in alles. Die saftigen kleinen Tomaten schmecken ihr besonders gut.
Auch dieses Vergnügen bleibt der Schattenassel nicht lange vergönnt; trommelfellzerfetzendes Gekreische unterbricht das Festessen. Der Küchenmensch ist zurückgekehrt und entsetzt sich über den schwarzen Fleck in der Salatschüssel. Erschrocken aber froh, dass sie keine Trommelfelle hat, flieht die Assel vom Tatort. Der Mensch, der offenbar die Zirkulationsatmung beherrscht, kreischt ununterbrochen, während er mit einem glänzenden Kochlöffel ausholt, vor Ekel zögert, ihn wieder senkt, um erneut auszuholen. Wut besiegt schliesslich Widerwille, sodass die Assel im Zickzack den krachenden Schlägen ausweicht. Geschirr scheppert, der Tisch wackelt bedenklich, der Salat verteilt sich über die Schwarzwälder Torte. Der andere Mensch kommt halbbekleidet aus dem Badezimmer, um zu sehen, was der Lärm für eine Ursache hat. Das Gekreische endet und geht in eine stammelnde Erklärung über. Der Badezimmermensch versucht, den Küchenmensch zu beruhigen, was der Assel die Möglichkeit gibt, zu entkommen und sich in einer sicheren Ecke auszuruhen.
In einem bunteren, weniger sterilen Zimmer mit dunkelblauem Teppichboden trifft die Assel auf einen weiteren Menschen, der sich zu ihr herunterlehnt. Dieser ist nur halb so gross wie die anderen Bewohner des Hauses. Seinen Kopf ziert ein üppiger, blonder Haarwuchs. Die Assel macht sich auf einen erneuten Angriff gefasst, spannt ihren Körper an, um dem kommenden Geschrei zu trotzen. Sie hat Mühe, sich durch den Teppich zu bewegen, möchte schnell weg von hier, doch der kleine Mensch mustert den dunklen Fleck nur mit kindlicher Neugier. Die sieben Beinpaare kitzeln die freundliche Hand, der kleine Mensch kichert vergnügt und brabbelt etwas, was die Assel nicht versteht. Während das Tierchen einige Runden um das Handgelenk dreht, nippt es an Schweiss und Hautschuppen, das Mädchen zuckt, gackert, hält den Arm bemüht ruhig von sich gestreckt. Ein Ruf aus der Küche unterbricht das Spiel. Der Arm setzt die Assel in einem Blumentopf auf dem Schreibtisch ab. Der nette kleine Mensch verlässt das Zimmer und überlasst das Tierchen der Obhut einer Orchidee.
Herr Senf hat sich in Schale geworfen und führt seine Gattin die Eingangstreppe hoch. Er keine Lust, bei den Briskets zu speisen, aber die Aussicht auf einen lukrativen Vertrag hat ihn dazu veranlasst, der Einladung zu folgen. Vielleicht wird es ja doch ganz nett, denkt er sich, und klingelt an der Tür. Nach höflichen Begrüssungsfloskeln und fadenscheinigen Komplimenten beiderseits sowie einem grosszügigen Muntermacher im Wohnzimmer setzten sich alle fünf Personen an den weiss gedeckten Küchentisch. Der Salat schmecke ausgezeichnet, bemerkt Frau Senf. Darauf lächelt die Gastgeberin verlegen, während sie in ihrem eigenen Teller gedankenverloren herumstochert. Nachdem das Gesprächsthema sich langsam von Weltgeschehen über Sport zu Wirtschaftslage verschoben hat, richtet sie den Hauptgang an. Gelangweilt von den Erwachsenengesprächen erzählt die Tochter von ihrer Begegnung mit der Assel, findet aber keine Beachtung, woraufhin sie es dem Hund mitteilt. Bei Senfbraten und Safranrisotto macht Herr Brisket eine geistreiche Bemerkung darüber, wie das Gericht die harmonische Zusammenarbeit von ‚Senf‘ und ‚Brisket‘ demonstriert. Herr und Frau Senf können darüber nicht lachen, aber das Essen schmeckt ausgezeichnet. Kaffee wird aufgebrüht, eine Flasche Cognac angebrochen und die Torte angeschnitten. Alle anfänglichen Bedenken sind vergessen und die Herren freuen sich, endlich zum Geschäftlichen zu kommen.
Plötzlich verstummt der Gastgeber mitten in seiner Argumentation, die er seit Wochen einstudiert hat. Mit einem Glas Cognac in der Hand starrt er mit aufgerissenen Augen über Herr Senfs Schulter. Dort, auf der weissen Wand, direkt oberhalb der Anrichte, ist ein kleiner pechschwarzer Fleck. Hat er sich gerade bewegt? Jetzt, bei genauerer Betrachtung, identifiziert er ihn als Loch. Schweiss tritt ihm auf die Stirn beim Versuch, durch das Loch hindurchzusehen, doch darin liegt nur ein endloses Nichts. Heute Morgen beim Austreten hat er etwas Ähnliches auf seinem Bein gesehen und hat sich deswegen vollgepinkelt. Ob es ihn wohl verfolgt? Nein, das ist unmöglich, sagt er sich, und dass seine Augen ihm einen Streich spielen. Er ist nur überarbeitet. Ein Loch kann sich nicht bewegen und ihn erst recht nicht verfolgen. Stammelnd versucht er, seinen Monolog über die vielgestaltigen Vorteile einer geschäftlichen Kooperation wieder aufzunehmen, kann seine Augen jedoch nicht vom Fleck lösen, er zieht in an, er ruft ihn zu sich. Es ist wie etwas, das er in seinem Augenwinkel nur flüchtig wahrnimmt, er kann es nicht richtig erfassen, und doch kann er nicht wegsehen. Das Innere des Lochs ist viel schwärzer als alles, was er je gesehen hat – beziehungsweise nicht gesehen hat. Jetzt bewegt es sich wieder, langsam gleitet es die Wand hoch. Es wird das Haus zum Einsturz bringen! Panik steigt in ihm auf. Der Cognac fliesst über sein Handgelenk. Auch Frau Senf hält plötzlich inne, aber aus einem anderen Grund: Sie hat in ihrer Schwarzwälder Torte ein halbes Radieschen gefunden. Sie wundert sich darüber, erinnert sich an all die neuen kulinarischen Moden, tunkt es in die Sahne und verspeist es, worauf sie die Gastgeberin für diese progressive Kreation lobt.
Herr Brisket nimmt weder die besorgten Worte seiner Frau noch den Ärger der Gäste wahr. Langsam steht er auf, geht um den Tisch herum auf das Loch zu ohne den Blick davon abzuwenden. Voller Begeisterung erzählt seine Tochter erneut von ihrer Begegnung mit der netten Assel und stösst dabei auf taube Ohren. Der Hund kommt unter dem Tisch hervor und verzieht sich winselnd in eine Ecke. Auch Frau Brisket erkennt, was ihren Mann so verstört, lässt sich allerdings nicht so leicht aus der Fassung bringen. Sie versucht die Eingeladenen mit einer Anekdote über die Vielseitigkeit von Trinkflaschen abzulenken, ihr Blick springt jedoch immer wieder zum Fleck an der Wand, sodass auch die Gäste endlich Notiz davon nehmen müssen. Während Herr Senf Unverständnis für dieses Interesse an einem gewöhnlichen Fleck zeigt, wo es doch so viel Wichtiges zu besprechen gäbe, hat seine Gattin sich bereits in der Schwärze verloren; sie starrt mit aufgerissenen Augen hinein. Ihre Mine von blankem Entsetzen gezeichnet, reagiert sie nicht mehr auf die Worte, die von ihrem verärgerten Mann auf sie eindringen. Die Gastgeberin versucht die Situation zu überspielen, indem sie den Gästen Cognac nachschenkt und einen erneuten Versuch macht, ihre Anekdote zu erzählen, verwechselt dabei die Ortschaften, doch ihr hört ohnehin niemand zu. Herr Brisket klettert auf die Anrichte in der Jagd auf das sich ständig bewegende Loch. Die halbleere gläserne Salatschüssel zerspringt auf dem Linoleum, Tomaten und Radieschen kullern darüber. Für Herrn Senf bringt dies das Fass zum überlaufen: Mit einer lautstarken Tirade über diese Unverschämtheit den Gästen und potenziellen Geschäftspartnern gegenüber nimmt er seine Begleiterin an die Hand, die sich gleichgültig mitziehen lässt, schnappt sich ihre Mäntel und stürmt aus dem Haus. Die plötzliche Stille reisst Herrn Brisket aus seinem Wahn. Verwirrt sieht er sich um und wundert sich darüber, dass die Senfs verschwunden sind. Durch die geöffnete Haustüre weht kühler Herbstwind. Er steigt von der Anrichte, um sie zu schliessen. Bei seiner Rückkehr ist der schwarze Fleck unauffindbar.
Zurück im Orchideentopf wartet die Schattenassel darauf, dass sich der Ärger wieder legt. In der Küche wird polternd aufgeräumt. Durch die zugezogenen Vorhänge scheint blass das Mondlicht. In einem Bett schnarcht der kleine Mensch. Ob die Assel nun schelmisch in sich hineinlacht oder sich des verursachten Unglücks grämt, wissen wir nicht, sicher ist jedoch, dass sie genügend Aufregung für einen Tag hatte. Lange liegt sie wach und macht sich Gedanken darüber, wie sie wieder nach Hause finden wird.
Bevor die ersten Sonnenstrahlen in das Heim dringen, schleicht die Assel erneut durch die Korridore. Es ist totenstill. Aus einem Zimmer scheint blaues Licht. Darin sitzt der Herr des Hauses an seinem Schreibtisch. Der Schein des Bildschirms lässt sein ausdrucksloses Gesicht wie das eines Ertrunkenen wirken. Vor ihm liegen unzählige Papierbündel verstreut. Lange blickt er reglos auf die unermesslichen Zahlenreihen, manchmal tippt er auf einige Tasten oder schreibt mit minimalen Bewegungen mit dem Kugelschreiber etwas auf ein Papier, dann starrt er wieder eine Weile vor sich hin, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Auch als die Schattenassel über den Tisch krabbelt, um zu sehen, was es mit den Zahlen auf sich hat, reagiert der Mensch nicht. Die Assel setzt sich auf eine besonders hübsche Sieben. Herr Brisket liest den rundlichen schwarzen Fleck auf seinem Dokument als eine Null und ahnt noch nicht, dass dieser Fehler – zusammen mit dem nicht zustande gekommenen Vertrag von letztem Abend – der Grund für den Anruf sein wird, der in zwei Wochen seine Entlassung verkündet, während er gerade Frau Senf in der psychiatrischen Anstalt besucht.
Das purpurne Metallgefährt donnert durch den Nieselregen. Die Assel hält sich mit aller Kraft mit vierzehn müden Beinen am Kotflügel fest, um nicht vom Fahrtwind fortgeweht oder von der aufspritzenden Gischt weggespült zu werden. Endlich nimmt sie den vertrauten Lavendelduft wahr, sieht eine heimische Hecke, die Brombeeren und die uralten Birken. Sie lässt los, rollt sich fest zusammen, prallt wie ein Gummiball von der Strasse ab und kullert noch weit über den nassen Asphalt. Als sie schliesslich zu stehen kommt, muss sie erst ihre schwindelnden Sinne wieder ordnen. Ein anderes Metallgefährt rast dicht an dem Isopoden vorbei – beinahe hätte es ihn überfahren – und schwemmt ihn mit dem Regenwasser in den Rinnstein.
Niemand bemerkt die Schattenassel, die die Grenze überquert, durch den Garten wandert, die Treppe hinabsteigt, unter dem Türspalt hindurch schlüpft, an dem Buchdrucklakai vorbeischleicht, der gerade versucht herauszufinden, wie er die Maschine ohne seine Daumen effizient bedienen kann, und zurück unter die Steinplatte kriecht, wo ihre Artgenossen begierig der Erzählung ihrer Abenteuer harren.
Wenn sich ein blinder Fleck durch Ihr Sichtfeld bewegt, wenn Sie sich fragen, ob ihre Augen nicht in Ordnung sind, oder ob Sie vielleicht übermüdet sind, oder wenn sich etwas Dunkles in Ihren Augenwinkeln regt, eine Bewegung, die Sie nicht zu erfassen vermögen, dann könnte es die Schattenassel sein, die wieder ausgebüxt ist und ihren Unfug mit Ihnen treibt. Sehen Sie nicht zu genau hin, versuchen Sie nicht, den Schatten zu durchschauen …
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